Nachruf auf Manfred Zöllner (Geb. 1934) : Nachtigall, ick hör dir trampeln

Ausgebombt, Busfahrer bei der BVG, Kraftfahrer beim Fernsehen, nach der Wende frühverrentet. Die sehr berlinischen Selbstauskünfte eines Mannes mit flexiblen Prinzipien, einschließlich Mauerbau, Mauerfall und einer lebensgefährlichen Eingliederung in die Hausgemeinschaft

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Manfred Zöllner (1934-2017)
Manfred Zöllner (1934-2017)Foto: privat

Fünfundvierzig war ich elf. Da sind wir ausgebombt worden, und wie jetzt die Flüchtlinge sind wir mit zwei Karren durch Berlin und haben Unterkunft gesucht. Das war ja Februar, und was wir noch aus der Wohnung rauskriegen konnten, haben wir uns aufgebraten. Mein Vater, der war arbeiten. Und der hat versucht, uns zu finden! Weil, es war ja auf einmal ausgebombt. Nachts sind wir durch Berlin und sind in ein leeres Ladengeschäft, da waren schon etliche Familien drin. Wir waren ja Kinder, gefroren haben wir. Nachts um zwei, halb drei stand unser Vater vor uns und hat uns gefunden. Der hat sich durchgefragt und hat uns gefunden. Und da waren wir dann zufrieden.

Nach dem Krieg hat mein Vater sich dann einen Kahn gekauft, so einen richtigen Saftkahn. Von Berlin hat er damit immer Schutt weggebracht nach Krötzin, und in Krötzin hat er Kohle gebunkert, die hat er nach Berlin reingebracht.

Von der Schifffahrtsdirektion hieß es dann: Wenn er den Kahn behalten will, muss er nach Osten ziehen, weil der Kahn ostregistriert war. Da sind wir von Charlottenburg nach Prenzlauer Berg, 1949.

Zu mir meinte mein Vater: ,Auf meine Taschen liegen is’ nicht, geh’ arbeiten!’ Na ja, und denn hab ich so Arbeiten angenommen und hab mir Geld gespart und meine Fahrerlaubnis gemacht. Damit bin ich aufs Arbeitsamt und hab mich als Kraftfahrer gemeldet und nach ein paar Jahren war ich bei der BVG. Da bin ich Doppeldecker gefahren.

Ich war zwar kein Parteigenosse, aber trotzdem

Wenn ich Pause hatte, bin ich ins Kino gegangen. Eberswalder Straße, das war mein Übergang, für 25 Westpfennig konnte man da ins Kino.

Auf einmal standen sie mit der Waffe da und haben alle zurückgescheucht. Da haste nur hilflos geguckt und gedacht, das darf doch jetzt nicht wahr sein. Erzählen kann man das nicht. Allein an der Grenze stehen und tatenlos zuschauen. Hier drinne, was in einem drin wirklich los ist, das kann man nicht wiedergeben. Ich hab mir das angeguckt, und man wurde traurig. Na ja, denn ist man wieder umgedreht.

Bei der BVG hab ich mich dann lang gemacht und mich als Fahrer beim Fernsehen beworben, weil’s da mehr Geld gab. Die waren nicht gerade begeistert. Die waren der Meinung, wenn ich von der BVG komme, habe ich von Autos gar keine Ahnung. Wenn ich rausfahre aus Berlin, und der Wagen bleibt liegen, dann müsste ich Kenntnis vom Motor haben. Jedenfalls haben sie sich ablehnend verhalten: „BVG? Die haben alle keine Ahnung!“

Da hab ich das ganze Ding mal von hinten aufgezäumt und hab das über die Partei gemacht. Hab dann so einen Schrieb gemacht: „Soundso, Diskriminierung der BVG.“ Ich war zwar kein Parteigenosse, aber trotzdem. Auf einmal kam ein Schreiben: „Gut, wir stellen Sie ein.“

23 Jahre war ich da. Es war eine schöne, aber auch eine anstrengende Zeit. Denn da haben wir 12, 24 Stunden manchmal gemacht. In der DDR macht mir keiner was vor. Es gab keine größeren Städte, wo ich nicht war! Und darum reizen mich jetzt auch mehr die Städte im Westen. Beim Sender hatte ich mehrere Posten. Wenn einer krank wurde: „Na, Manne, springst du ein?“ – „Na klar!“ Ich hab Fahrer gemacht, Beleuchter, Tonassistent. Mit den Schauspielern hatte ich wenig Kontakt. Wir waren ja hinter der Kamera. Das, was gesagt wurde, das haben wir ausgeführt. Die Obrigkeit, die Koppgesteuerten, haben wir gesagt, das waren die Regisseure.

Und da haben wir denn auch so’n paar Hammel dringehabt, also linientreu und alles: „Manne, was hältste davon: Wir machen sozialistische Brigade.“ Sag ich: „Nee. Da könnt ihr mich auf’n Kopp stellen!“ – „Warum denn nicht?“ – „Na ja“, sag ich, „weil ich keine Wohnung kriege. Wir haben nur ’ne Einraumwohnung, und ich war beim Wohnungsamt, und die sagen alle Nein. Außerdem bin ich sowieso nich’ dafür. Nee. Will nich’.“

Ne Woche später klingelt das Telefon: „Du, Manne, dein Typ wird verlangt, komm mal her!“ Ich denke: meine Frau. Weil die auch immer angerufen hat. Ich sage: „Ja?“ Ist der Einsatzleiter dran: „Ich hab ’ne Wohnung für dich.“ – Oh, denk ich, aha. Nachtigall, ick hör dir trampeln. „Komm her“, sagt er, „kannst dir die Wohnung angucken.“ Ich hin. Vorne raus die Wohnstube, hinten raus das Schlafzimmer, Küche, Bad und Balkon. „Gut“, hab ich gesagt, „nehm’ ich.“

Und in dem Moment fragt mein Einsatzleiter: „So, Manne, wie sieht’s aus?“ – „Na ja gut. Gut, jetzt bin ich dafür.“ – „Gott sei Dank.“

In der Brigade mussten alle drin sein. Sonst hätten sie die nicht machen können. Und dann haben sie gleich noch einen draufgesetzt: „Jetzt machste Brigadeleiter!“ Noch nicht mal ’n halbes Jahr hab ich das gemacht. Dann hab ich gesagt: „Kinder, bitte nicht mehr mit mir. Ich geb das ab.“ Du wurdest richtig hingebogen in die Politik rein. Und das wollte ich ja nicht. Das hab ich abgeblockt. Nee, also weeste, nich’ mit mir. Aber nur auf die Art und Weise konnten wir ’ne neue Wohnung kriegen.

Ist doch bloß die Sicherung...

Und diese Wohnung, das war eine – na ja, wie soll ich sagen? Eine vom Ministerium reservierte Wohnung. Das ganze Haus hier war ja Ministerium. Im ersten Stock war einer, der war dunkelrot, im zweiten war einer, na ja, Vertrauensmann hat der gemacht. Die waren alle in der Partei und in den Ministerien drin. Das wussten wir aber nicht. Wir sind hier reingekommen, und dann guckten die uns alle so von der Seite an.

Über vier, fünf Jahre ging’s nur: „Guten Tag.“ – „Guten Tag.“ Und eines Tages, das war kurz vor Heiligabend, da war auf einmal das Licht weg. Das ganze Haus war stromlos. Und weil ich ja vom Fernsehen ’n bisschen mit Elektrik vertraut war, geh ich runter, guck mir das an. „Ach“, sag ich, „ist doch bloß die Sicherung.“ War aber kein Handwerker zu erreichen. Da hab ich Silberpapier eingedreht, und dann hatten wir Licht. Bis zweiten Feiertag. Da sagt meine Frau: „Du, ich bin gerade unten gewesen, das riecht da so komisch.“ Hab ich geguckt, und die ganzen Stränge glühend rot. Ich sage: „Wenn das so weitergeht, dann geht das hier hoch, das ganze Ding.“ Ich dreh die Sicherung raus, und das Licht brennt! Sag ich: „Wie kann denn das sein?“ Na ja, da hatten wir noch Licht bis dritten Feiertag, dann haben wir aber gleich die Elektriker gerufen – und da waren die ganzen Kabel in sich verschmort. Ein Klumpen, und der hat dem ganzen Haus den Strom durchgelassen. Also wenn das rausgekommen wäre, was ich da gemacht hatte, hätte ich gesiebte Luft geatmet!

Das war Weihnachten, und da haben die auf einmal alle gesagt: „Hach ja, Herr Zöllner, wie heißte denn mit Vornamen?“ Da wurde das auf einmal eine Gemeinschaft.

Nach der Wende bin ich mit 57 in Frührente gegangen. 89, das ging ja immer schon so von Ohr zu Ohr, bloß hat keiner so richtig dran geglaubt. Und wie es denn passiert ist, da hab ich hier vorm Fernseher gesessen: Was ist denn das für’n Film? Die Grenzen sind offen? Am andern Morgen komm ich in den Sender rein – ach herrje, helle Aufregung. Und denn wollten sie zur Grenze, aber das hat die Obrigkeit nicht gestattet.

Am Sonnabend sagt meine Frau: „Du, woll’n wir rübergehen?“ Ich sage: „Wenn, dann fahren wir.“ Da haben wir uns ins Auto gesetzt: Oh Gott, wie fahren wir denn jetzt, das ist ja alles ganz anders geworden – Markgrafenstraße, wo der Ullstein-Verlag ist, da sind wir ausgebombt worden, die Ecke hab ich gar nicht wiedererkannt. Wenn ich ehrlich bin: Wo wir die Grenze Bornholmer rübergefahren sind, haben wir beide geweint.

Und dann ging das im Betrieb rum: Wer will weiter zum Fernsehen oder nach Babelsberg und so, haste Interesse, dann kannste dich da melden. Na ja, dann haben wir noch vom Fernsehen ’ne Abfindung gekriegt, und dann war das sozusagen das Ende der Arbeitswelt.

Was man nicht zurückhaben will, ist die Unfreiheit, is’ klar. Dass man nicht hin kann, wohin man will. Aber was das Wohnen betrifft – du konntest damit rechnen, wusstest, das bleibt, da kommt nicht auf einmal so’n Giftbrief. Jetzt hab ich immer im Hinterkopf: Um Gottes willen! Es braucht sich bloß der Eigentümer für die Wohnung interessieren und sagen, die will ich haben. Dann ist es Eigenbedarf. Da werd ich schlechte Karten haben. Bloß, mich noch mal verpflanzen, nee, das mach ich nicht. Wenn, dann mit den Beinen zuerst raus.

Wo wir früher noch beide zusammen hier gewohnt haben, haben wir uns darüber keinen Kopf gemacht. Aber jetzt, wo ich allein bin, ist es schon ganz schön doof. Lass mal irgendwas sein. Dann bin ich ganz schön am Arsch des Propheten.

Manfred Zöllner ist am 14. Februar gestorben. Im Frühjahr 2014 hat Anne Jelena Schulte seine Auskünfte für ein Theaterstück aufgezeichnet.

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