Nachruf auf Percy Grunwald (Geb. 1959) : Treueherzen? Niemals!

Der verbeamtete Globetrotter stammte aus der DDR. Eigentlich sollte er James heißen, das aber ließ das Standesamt nicht zu. Dann eben Percy. Der Nachruf auf einen Exzentriker

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Percy Grunwald (1959-2014)
Percy Grunwald (1959-2014)Foto: privat

Nomen est Omen. Trieft vor Einfallslosigkeit, dieses Allerweltszitat, stimmt aber nun mal im Fall von Percy, dem verbeamteten Globetrotter und Bonvivant mit Hang zur Exzentrik. Seine Mutter fand die Groschenromanserie um Percy Stuart toll. So geht eine von zwei Legenden. Percy Stuart war ein US-Millionär, der viele Abenteuer bestehen musste, um in den Londoner „Excentric Club“ aufgenommen zu werden. Die andere Legende nennt Wagners Parsifal als Inspiration. Eigentlich war James der Favorit, nach James Dean, aber damit kam seine Mutter auf dem Standesamt nicht durch.

Percy war stolz auf seinen im Hoheitsgebiet der DDR seltenen Namen, konnte ihm allerdings erst voll gerecht werden, nachdem er mithilfe von Willy Brandt und 10 000 Mark aus dem Freikauffonds der Bundesregierung von Friedrichshain nach Rudow übergesiedelt war. 1970 war das. Percy zog mit Mutter und Schwester zum Vater, aber zwei Jahre später dort wieder aus, weil die Eltern sich getrennt hatten. In der neuen Wohnung wurden die Kinder zum Küchendienst eingeteilt, bei Percy sah alles blitzblank und aufgeräumt aus, das dreckige Geschirr hatte er unter die Spüle verfrachtet. Um solche Tricks war er nie verlegen. Wenn er später in der Schule eine Entschuldigung brauchte, fertigte er sie am Kopierer.

Die Abinote war eher Durchschnitt, aber Percy hatte ohnehin keinen Karriereplan. Er trat in den Dienst des Schuhhauses „Leiser“ und bald wieder aus, weil so eine Lehre doch recht anstrengend und eintönig sein kann. Besser lief die Ausbildung zum Finanzwirt. Percy arbeitete sich mühelos hinauf bis zum Oberinspektor im Finanzamt, Abteilung Rechtsbehelf, die Stelle für Einsprüche und Beschwerden. Seine Korrespondenz war stets präzise und formvollendet. Er war ein Sprachästhet, wie er überhaupt die schönen Dinge des Lebens liebte. Seine Amtsstube stattete er mit Kühlschrank, Espresso-Zubereiter und Weinregal aus.

In der Freizeit schraubte er an seinen Oldtimern. Im offenen „Spitfire“ ohne Notdach sauste er über die schneebedeckten Alpenpässe, um an dem Schaurennen „Mille Miglia Storica“ in Norditalien teilzunehmen. Ohne Anmeldung. Als er am Startpunkt eintraf, mit selbstsicherem Percy-Lächeln und charmanter weiblicher Begleitung, war die Aufnahmeprüfung praktisch schon bestanden.

Die naturgegebene Nonchalance, gepaart mit einer wohldosierten Höflichkeit, Skurrilität und Schlagfertigkeit, dazu die sportliche Erscheinung in Jeans und weißem Hemd: Auf seine Ausstrahlung konnte er sich verlassen. Percy liebte die Frauen, aber den Übergang in feste, dauerhafte Beziehungen wusste er zu verhindern. Einige Verehrerinnen attestierten ihm einen Heiratsschwindlercharme.

Die Kinder von Freunden hingen sehr an ihm, eines dachte bei Geburtstagsständchen immer, es heiße Happy Percy to you. Seiner neugeborenen Nichte brachte er als Geschenk einen Kinder-Werkzeugkasten ins Krankenhaus. Da waren die Eltern verblüfft, böse sein über diesen Fauxpas konnte man Percy gar nicht.

Altmodisch war er, konsequent und stilvoll. In seiner Wohnung versammelte er antike Möbel und betrieb eine riesige italienische Kaffeemaschine. Die Ofenheizung passte zu ihm, genau wie die Wanderrucksäcke mit Lederriemen oder die Kniebundhosen, die er zum Skilaufen anzog. Spontan ging er mit ein paar Freunden auf die Vernissage eines ihm unbekannten Künstlers, stand sofort im Mittelpunkt, wurde mit Handschlag begrüßt. Wer war noch gleich dieser Mann im blauen Jackett?

Selbst an der Supermarktkasse funktionierte seine Vip-Aura: Percy wurde nie gefragt, ob er Treueherzen sammelt.

Er reiste gern in Länder, die eher jenseits der Touristenströme lagen. Am härtesten war die Durchquerung Afrikas von Ost nach West. Mit einem Brief des deutschen Botschafters ausgestattet, zog er mit einem Gefährten los, hauptsächlich auf dem Kongo schippernd. Wenn eine Militärkontrolle kam, zückte Percy das Schreiben, und die Soldaten glaubten, er sei Richter oder Regierungsrat. Als das nichts half, übergab er ein schönes Kofferradio vom Flohmarkt, das er ohnehin als Mitbringsel dabei hatte.

Als das Reisen wegen einer Krankheit, von der Percy kein Aufhebens machte, beschwerlicher wurde, blieb er eben in Berlin und traf sich mit Freunden zu einem Picknick auf dem Tempelhofer Feld. Natürlich wurden die nötigen Utensilien in alten Koffern transportiert. Weil er nicht mehr gut auf dem Boden sitzen konnte, holte sich Percy den lederbezogenen Autositz aus seinem Oldtimer. Zum White Dinner, dem Picknick-Flashmob, brachte er ein gerahmtes Foto der britischen Queen mit.

Percy war von dem Willen beseelt, Haltung zu bewahren, seine Freunde unter keinen Umständen zu langweilen. Seine Leiden behielt er für sich, auch als die Krebsdiagnose kam und später die Nachricht: austherapiert. Nur mit beißender Ironie konnte er darüber reden, seinen Körper als Mängelverwaltung rügend.

Er zeichnete Comics, verschickte selbst gemalte Postkarten, schrieb Briefe mit Füllhalter und Tinte, versank still in den Anblick wohlorchestrierter Sonne- Wolken-Kompositionen. Um sich abzulenken, fuhr er das Mobiliar einer jungen Bekannten nach London. Alles Leben nahm er in sich auf, vom nahenden Tod wollte er nichts wissen.

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