Nachruf auf Wolfgang Müller (Geb. 1941) : Der kleine Bruder

Er war Rinderzüchter, Heizer, Maschinist, Kesselwart und auch mal Schriftsteller. Doch immer blieb er: der Bruder des Dramatikers Heiner Müller. Dessen Schatten war sehr groß.

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Wolfgang Müller (1941 - 2013)
Wolfgang Müller (1941 - 2013)Foto: privat

Am 16. Januar 1996 fand ein großes Begräbnis statt, ein Staatsakt beinahe. Zur Trauerfeier im Berliner Ensemble waren Hunderte erschienen, wer in der deutschen Literatur und im Theater einen Namen hatte, war da, im Hof des Theaters standen die schwarzen Autos der Politiker. Die Trauernden begaben sich im langen Zug zum Dorotheenstädtischen Friedhof, der Sarg wurde zu Grabe gelassen, man defilierte, man verneigte sich, warf Blumen. Wolfgang Müller stand eineinhalb Stunden in der Schlange, bis er seine dazulegen konnte. Vom Sarg war längst nichts mehr zu sehen. Der Mann, der da unten lag, war für keinen so wichtig gewesen wie für ihn. Aber hätte er sich nach vorne drängen sollen? Er war keiner, der sich nach vorne drängte, war das nie gewesen.

Als Wolfgang vier ist, kommt sein Vater aus dem Krieg. Wolfgang sieht nicht ein, dass das sein Vater sein soll. Er hält sich an der Hand seines großen Bruders Reimund fest. Reimund, der mit zweitem Namen Heiner heißt, zwölf Jahre älter ist, der alles weiß und alles kann – ist das denn nicht sein Vater? Reimund bringt ihm das Lesen und das Schreiben bei.

Als Wolfgang zehn ist, zieht die Familie in den Westen. Der Vater, Sozialdemokrat, muss vor den Kommunisten fliehen. Reimund bleibt im Osten, nennt sich nun Heiner und wird Schriftsteller. Die folgenden Jahre sind für Wolfgang keine leichten. Im schwäbisch engen Reutlingen ist er ein Flüchtlingskind, in der Schule setzt es Schläge, wenn er mit links schreibt.

Als er 15 ist, schicken seine Eltern ihn hinüber in den Osten. Wolfgang soll herausfinden, wie es seinem großen Bruder geht. Man hat gehört, dass er ein prekäres Künstlerleben führen und eine dubiose Frau geheiratet haben soll, Inge Schwenkner, inzwischen Müller, auch Schriftstellerin und vier Jahre älter als Heiner. Wolfgang fährt – und ist beeindruckt: Was für eine andere, freie, weite Welt, sein Bruder: ein Mann, der raucht und trinkt und über die großen Themen spricht, dann diese Frau, so schön, so erwachsen und so frei. Sie nimmt sich, was sie will. Sie will Wolfgang.

Flucht aufs Wasser

Nach einigen weiteren Besuchen weiß auch Wolfgang, was er will: Hier bleiben, bei dieser Frau, bei seinem Bruder. Der Junge aus dem Westen kann sein Abitur im Osten nicht zu Ende machen – wozu auch, das wahre, wilde Leben fragt nicht nach Abschlüssen. Wenn auch über die Wahrheit der Beziehung zwischen ihm und seines Bruders Frau kein Wort gewechselt wird, jedenfalls nicht zwischen ihm und seinem Bruder. Wolfgang beginnt eine Ausbildung zum Rinderzüchter.

Es sind die Jahre, in denen immer mehr Menschen den umgekehrten Weg gehen, fort aus dem Osten. So viele sind es, dass die DDR die Mauer baut. Jetzt sitzt auch Wolfgang fest. Und hegt Fluchtgedanken: Die Dreiecksbeziehung ist anstrengend, Inge Müller psychisch labil. Aber nicht in den Westen flieht er, sondern aufs Wasser. Er wird Heizer und dann Maschinist auf einem Dampfschiff. Er fährt drei Jahre lang die Oder hoch und runter.

Als Teil der „herrschenden Klasse“ hat er Zugang zu rationierten Lebensmitteln, während Heiner und Inge Müller ein karges Leben führen. Der kleine Bruder unterstützt die beiden. Im Juni 1966 nimmt sich Inge Müller das Leben, die Beziehung zwischen Wolfgang und Heiner liegt brach.

Als Wolfgang genug hat von der Schifferei, wird er Kesselwart im Gaswerk an der Dimitroffstraße, Prenzlauer Berg. Bei einem Unfall trägt er eine Kopfverletzung davon, und auch sonst missfällt ihm das proletarische Leben immer mehr, das frühe Aufstehen, die Anstrengung, die Müdigkeit am Abend. Wie Künstler leben, weiß er ja, viel angenehmer jedenfalls. Also wird er selber Künstler, legt jedoch Wert darauf, einer aus dem Volk zu sein, keiner von den Klugschwätzern. Er ist ein talentierter Geschichtenerzähler; doch anders als sein Bruder bedient er sich nicht in der Weltgeschichte. 1974 erscheint sein Buch „Flussgeschichten“, in dem er seine Erlebnisse auf dem Oderkahn verarbeitet.

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