Nachruf : Hans-Jürgen Stöppler (Geb. 1943)

Den Hof eines Tages zu übernehmen, daran denkt er nicht.

Stephan Reisner

Die Winter auf dem Vogelsberg in „Hessisch Sibirien“ sind eisig, im Sommer flirrt die Luft. Wie alle Kinder des Dorfs besucht er die Volksschule. Doch kaum erreichen die Füße die Pedale, kaum hat er Kraft, das Lenkrad zu halten, da setzt man ihn auf den alten Lanz, um Heu einzufahren. Der Hof kommt zuerst, noch vor den Hausaufgaben. „Erst die Arbeit, dann das Vergnügen!“, den Satz hat er sich eingeprägt.

Die Anweisungen auf dem Hof sind knapp. Vieh einbringen. Hühner füttern. Acker pflügen. Schweine schlachten. Wenn er etwas verpatzt, setzt es Schläge, verpatzt er etwas halb, setzt es auch Schläge. Schläge sind auch Mittel der Verständigung. Abends, wenn die Bauernfamilie beim Abendbrot zusammensitzt, hängt stumm das Kreuz mit dem Heiland über den sieben Köpfen.

Am liebsten hütet er die Kühe, da nimmt ihm der Hund die Arbeit ab. Er legt sich ins Gras, zupft Halme und träumt mit den Wolken. Einmal im Jahr putzt er seine Lieblingskuh heraus, flechtet ihr Zöpfe und shampooniert sie. Das kleine Preisgeld vom Schönheitswettbewerb in Lauterbach darf er behalten. Den Hof eines Tages zu übernehmen, daran denkt er nicht. Auch die Maurerlehre, die ihm die Eltern abverlangen, erledigt er nur aus Pflicht. Sein Kopf ist längst woanders, er liebt Bücher. Er verlässt den Hof, verliebt sich in ein Mädchen und beginnt ein Studium, Anglistik und Germanistik.

Wie früher die Hausaufgaben erledigt er nun das Studium – rasch, geflissentlich und im Vorbeigehen. Nebenher jobbt er als Maurer. Die Liebe zur Freundin wächst, wie auch der Sinn für englische Literatur: Shakespeare, John Donne, William Blake. Ein gemeinsames Jahr in Leeds, Erkundung der Arbeiterviertel. Die Freunde sagen, sie passen bestens zueinander. Als ihn Mitte der Siebziger Jahre eine Assistentenstelle an die TU nach Berlin lockt, sind sie längst verheiratet. In Berlin wird sie schwanger.

Es geschieht das Unbegreifliche, sie verliert sich in sich selbst, ein böser Zwilling redet immerfort in Englisch auf sie ein. Dem neugeborenen Mädchen gibt sie ausschließlich Bananen, alles andere, behauptet sie, sei vergiftet. Er weiß nicht, wie ihm und seiner kleinen Familie geschieht. Therapeutische Hilfe lehnt sie ab, sie will ihre Persönlichkeit nicht verbiegen lassen. Er geht mit der Tochter auf Spielplätze und päppelt sie mit Hähnchenschenkeln auf, das Mädchen ist ganz mager. Eines Tages sind Mutter und Tochter verschwunden. Er spürt beide bei den Schwiegereltern auf. Er weiß keinen Rat mehr. 1983 lassen sie sich scheiden.

Zwei Jahre lang ziehen er und Tochter von Kiez zu Kiez, von Wohnung zu Wohnung, bis er wieder in eine feste Beziehung findet. Die Neue ist promovierte Historikerin. Ihn hat die Wanderschaft die Dissertation gekostet, aber nicht die Liebe zur Literatur. In der neuen Wohnung stapeln sich die Bücher bis zur Decke. Er nimmt eine Referentenstelle beim Hochschulsenat an, ein Sohn wird geboren. Auf das gemeinsame Abendessen mit den Kindern legt er viel Wert, der Küchentisch wird zum Zentrum des Familienlebens. Nur bei handwerklichen Arbeiten verfällt er in längst überwundene Verhaltensmuster: Die Anweisungen an den Sohn sind knapp, der Ton barsch. Klappt etwas nicht, ist jemand anderes Schuld.

Anfang der Neunziger, Verdacht auf Lungenkrebs. Er stellt das Rauchen ein, zwölf lange Jahre, auch wenn sich der Verdacht als Fehldiagnose herausstellt. Seine Frau raucht weiter. Das wird ihr und der Familie zum Verhängnis. Es kann nicht schlimmer kommen, erst erkrankt er, dann sie. Eine einst glückliche Familie mit nun zwei Krebspatienten und zwei geradeso erwachsenen Kindern. Er wird operiert, die Chemotherapien spülen durch ihn hindurch, da sprechen die Ärzte seiner Frau schon das Todesurteil aus. Neun Monate bleiben ihr.

Im Sommer 2006 beerdigt er sie. Aber wozu ein Doppelgrab anmieten? Er denkt gar nicht daran zu sterben, er geht zur Arbeit, er unterzieht sich weiter den Behandlungen, er hilft dem Sohn bei der Ausfertigung der Abi-Rede: „Hier könntest du Leonardo da Vinci zitieren, das passt hervorragend!“ Noch einmal übersetzt er aus den Meditationen von John Donne, nur für sich, um den genauen Sinn der Worte aus der Tiefe zu heben. Dann wird es Nacht.

One short sleep past, we wake eternaly. And death shall be no more. Death thou shalt die. Das hat John Donne geschrieben. Die Kinder schreiben es in die Todesanzeige.

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