Nachruf : In mir wohnt ein anderer

Manuel Jukiel zog die Springerstiefel aus und schlüpfte in weiße Nike-Turnschuhe. Der 1974 geborene sagte sich auch vom Alkohol los - der Krebs ließ ihn früh sterben.

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Einerseits kann man Manuel Jukiel nicht verstehen, wenn man die ersten dreißig Jahre seines Lebens nicht kennt. Andererseits kann man ihn auch nicht verstehen, wenn man sich zu stark auf diese Zeit konzentriert. Also ein Versuch: zuerst dreißig Jahre in Stichworten, danach die entscheidenden Jahre.

Der Vater im Knast, die Mutter säuft. Sperrt ihn und zwei Geschwister tagelang in ein Zimmer mit nichts darin als Matratzen und einem Eimer zum Saubermachen. Mit fünf adoptiert ihn die Familie Jukiel. Es geht nicht gut, vielleicht, weil er schon zu viel erlebt hat. Mit zwölf treibt er sich in der Genthiner Russenkaserne und auf dem Bahnhof herum. Die Freunde halten sich warm mit Bomberjacken, Wodka und Hass. Er lässt sich Hakenkreuze auf die Schulterblätter tätowieren. Ankunft Bahnhof Zoo im Jahr 2000. Einbrüche, Schlägereien, Überfälle.

Dann: kein Erweckungserlebnis, keine jähe Wende. „Das kam alles aus ihm selber“, erinnert sich Uwe Kalusniok, sein bester Kumpel. Manuel war sich fremd geworden. Sein Leben passte ihm nicht mehr. Irgendwann zog er die Springerstiefel aus und schlüpfte in weiße Nike-Turnschuhe. Über die Hakenkreuze ließ er Wikinger tätowieren. Was blieb, war sein Respekt vor Regeln: Nie bei Rot über die Ampel, und der Gehweg ist keine Müllkippe.

Manchmal horchte er in sich hinein und fragte, wer dort drin wohl wohnte: ein anderer, der von sich behauptete, der richtige Manuel zu sein. Das verwirrte ihn. Es war nämlich so: Dieser andere wollte nicht bloß geliebt werden, so wie jeder Mensch. Er wollte auch lieben.

Gut, dass Manuela kam. 2002 lernten sie sich auf der Entgiftungsstation kennen, wo sie eine Selbsthilfegruppe betreute. Nicht der schlechteste Ort dafür, weil es hier wenig Missverständnisse gibt: die Kaputtheit des anderen ist auch die eigene. Beide schenkten sich nichts, sie stritten und verletzten sich. Manuela erklärt es so: „Wir wollten wissen, ob wir immer noch zusammenhalten würden, wenn die Zeiten wieder schlecht werden. Alles andere wäre den Versuch nicht wert gewesen.“ 2005 tauschten sie auf einer mittelalterlichen Hochzeitsfeier die Runenringe. Sogar die Pflegeeltern waren gekommen. Er war jetzt Manuelas Manuel, sie seine „kleine Walküre“.

Er ist jetzt 30 und räumt sein Leben auf. Er hat Frau und zwei Stiefsöhne. Er nimmt Kontakt zu seinem Bruder Jens auf. Er macht den Führerschein und kauft ein Auto. Und er gründet die Selbsthilfegruppe „No Deal“. Er ist der Chef. Neuen stellt er zwei Fragen: Wer bist du? Wonach bist du süchtig? Wenn Andreas Bisowski sagt: „Ich bin Bühnenautor und Schauspieler und ich bin alkoholsüchtig“, dann fragt Manuel abermals: Wer bist du? Wonach bist du süchtig? So oft, bis andere Antworten kommen. Zum Beispiel: „Ich bin süchtig nach Anerkennung.“

Als Bisowski am Abend vor der Premiere zur Flasche greift, kommt er vorbei und sagt „Entweder du trinkst nichts und einer von uns bleibt über Nacht bei dir und hilft dir dabei. Oder du trinkst, und wir gehen.“ Bisowski trinkt nicht.

Manuel bleibt nach der dritten Langzeittherapie trocken. „So knallhart, wie ich gesoffen habe, so knallhart bin ich nüchtern geworden.“ Er lernt, seine Stiefsöhne in den Arm zu nehmen. Komisches Gefühl. Er nimmt sie an als seine Kinder. Sie wollen sich von ihm adoptieren lassen.

Manuela öffnet die warme Seite in ihm. Sie staunen, wie kitschig er sein kann. Schenkt seiner Frau „Merci pur Nougat“. Am Schlafzimmerschrank kleben Postkarten, Liebesgrüße mit Dinosaurier- und Engelmotiven. Überm Bett hängen Teddys, Plüschherzen, Engelchen und Teufelchen. Den Riesenteddy auf der Gardinenstange hat Manuel seiner Frau auf dem Rummel geschossen.

Als er am U-Bahnhof einen Bettler zitternd daliegen sieht, geht er nicht an ihm vorbei wie die Gescheiten, die befürchten, dass er Geld nur wieder für Fusel ausgeben würde. Jukiel kauft ihm auch kein Mettwurstbrötchen. Sondern einen Flachmann, denn den braucht der Mann jetzt.

Es spricht sich rum, dass es in der Gropiusstadt die Selbsthilfegruppe dieses Ex-Alkies gebe, der nicht viele Worte macht, aber die richtigen. Die Gruppe wächst, teilt sich, wird zum Verein „Mit Uns“. Jukiel sagt nicht: „Du kannst das schaffen, ich glaub an dich.“ Sondern: „Jetzt kneif die Arschbacken zusammen!“ Wenn einer doch wieder gesoffen hat und sich nach Wochen in die Selbsthilfegruppe traut, dann sagt Jukiel: „Guter Versuch. Überleg dir, was falsch gelaufen ist und was du ab jetzt vermeidest.“

Manuel plagen Rückenschmerzen. Er kommt ins Krankenhaus, Verdacht auf Bandscheibenvorfall. Doch die Ärzte finden Tumore, überall. 13 Tage später stirbt er.

„Alle, die hier sitzen, wären sich ohne Manuel schön aus dem Weg gegangen“, sagt Andreas Bisowksi. Er trägt eine rote Krawatte und ein graues Wollsakko und schaut in die Runde, die sich in Manuelas Wohnzimmer in der Gropiusstadt versammelt hat: Da ist Uwe Kalusniok, auf dessen T-Shirt „Odins Macht ist unsere Stärke“ steht, der ironisch-zärtlich Bisowskis Knie tätschelt und ihn „meine kleine Zarte“ nennt; da ist Manuela, die die Szene liebevoll beobachtet; und da ist Dindar Yilmaz, der ein so guter Freund wurde, dass manche spotteten: „Kiek, der Kanake und der Nazi.“

Sie sitzen am Tisch, dazu sein Bruder Andreas, seine Stiefsöhne Michel und Justin und dessen Freundin Nine. Einer fehlt. Andreas Unger

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