Nachruf : Jürgen Bartel (Geb. 1933)

"Das ist Löss aus dem Diluvium"

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Als vorletztes von fünf Kindern ist Jürgen Bartel in einem „grünem Paradies“ aufgewachsen. So hat er das Haus der Stadtgärtnerei am Schloss Neustrelitz später genannt. Doch es kommt der Krieg, der Vater ist Regimentskommandant in Frankreich, gelangt in die Gefangenschaft, und schließlich bewohnt die Familie zu fünft ein Zimmer. 1948 ziehen sie nach Lübeck, ein Neuanfang im Westen. Der Vater schlägt sich durch als Illustriertenverkäufer. Drei Jahre später geht es nach Köln. Dort findet der Vater Arbeit bei einer Baufirma. Er ist für alles zuständig, was die anderen nicht machen wollen.

Jürgen trägt seinen Teil zum Familienfonds bei. Wenn er nicht selbst für die Schule paukt, gibt er Nachhilfe, vor allem Latein. In den Ferien hilft auch er auf dem Bau. 1955 macht er Abitur, endlich, und er beginnt zu studieren: Mathematik, Physik und Geografie. An der Kölner Universität findet Jürgen das erste Mal in seinem Leben dauerhafte Freunde. Für die er aber wenig Zeit hat. Er bekommt eine Stelle bei den Geografen und leitet Exkursionen. So kommt er viel rum in Europa: England, Jugoslawien, Frankreich, Schweiz und vor allem Skandinavien. Restaurants kann er sich nicht leisten, in seiner Jackentasche steckt stets ein trockenes Brötchen. Manchmal gibt ihm der Vater ein Ei mit. Da kommt es vor, dass er, wenn er den Stift aus der Tasche zieht, Dotter an den Fingern hat.

Er promoviert, bekommt eine Assistentenstelle am Fachbereich Geografie und fühlt sich als privater Dienstleister seines Professors. Im Institut schlägt er ein Feldbett auf.

Und er lernt alles, was es zu lernen gibt, nie scheint er etwas zu vergessen. Wenn andere Unsinn erzählen, sagt er seiner Frau Astrid erst auf dem Heimweg, wie es wirklich ist. Anfangs überprüft sie das noch im Lexikon. Immer hat er recht.

Astrid hat er bei einer Exkursion kennengelernt. Da hat er sie aufgefordert, nicht nur die Erde anzufassen, sondern die Erde auch zu kosten. So lassen sich „schluffige Partikel“ identifizieren. „Das ist Löss aus dem Diluvium“, erklärt Bartel und bleibt mit einem Gummistiefel im feuchten Boden stecken. Die Studenten erblicken seine Socken und das Loch darin. Der braucht wohl eine Frau, sagt Astrids Freundin.

Jürgen Bartel ist Lehrer durch und durch, das sagt er selbst. Er kann Kompliziertes einfach erklären, ist charmant und mit einem trockenen Humor gesegnet. Die Studenten sind begeistert.

Als er Vertreter der Pädagogischen Hochschule Berlin durch Köln führt, sagen sie, er solle sich bei ihnen auf eine Professur bewerben. So kommt er 1972 in die westliche Halbstadt. Im selben Jahr bringt Astrid Zwillinge zur Welt.

Die Familie zieht in ein altes Haus in Lichtenrade. Dort gibt es viel zu tun, und Jürgen tut es alles. Er kachelt Wände, er legt elektrische Leitungen.

Weil die Pädagogische Hochschule 1980 aufgelöst wird, wechselt er an die Technische Universität und wird hier ordentlicher Universitätsprofessor. Er arbeitet viel, zu viel, er bekommt Migräneanfälle. Und er arbeitet weiter.

An seinem Fachbereich ist er der Professor, der die meisten Staatsexamensprüfungen abnimmt. Doch am wichtigsten sind ihm nach wie vor die Exkursionen.

Ist er aber zu Hause, widmet er sich ganz der Familie. Gegenüber seinen vier Söhnen hebt er nie die Stimme. Er erklärt ihnen die Welt, geduldig, Kompliziertes erklärt er gerne noch einmal und noch einmal. Morgens bringt er die Kinder und die der Nachbarn zur Schule, und er unterhält sie mit Balladen. Balladen sind lang, manchmal zu lang für einen Schulweg. Und so steht Jürgen Bartel, umringt von sechs Kindern vor dem Schuleingang, wo er die Rezitation zum Ende bringt.

In die Ferien fährt die Familie mit dem Minibus, meistens in Jürgens Lieblingsland Schweden. Die Söhne kommen auch noch mit, als sie längst erwachsen sind. Und ihr Vater erklärt ihnen immer noch die Welt. Astrid, seiner Frau, wird das manchmal zu viel: „Wir sind doch keine Studentengruppe!“ Die trockenen Brötchen bleiben zu Hause, gegessen wird im Restaurant.

Noch nach seiner Emeritierung nimmt Jürgen Bartel Prüfungen ab und leitet Exkursionen. Einen seiner ehemaligen Studenten, inzwischen Professor in Freiburg, begleitet er zweimal auf dessen Reisen mit Studenten. Bei der zweiten fühlt er sich unwohl und reist ab. In Berlin lässt er sich untersuchen – es wird der Krebs entdeckt – und dann, nach ein paar Tagen, schließt er sich der Gruppe wieder an. Am letzten Tag der Fahrt referiert Bartel am Strand von Hiddensee eine Stunde lang über Feuersteine, eins seiner Lieblingsthemen. Dann sagt er beim Blick in den strahlend blauen Frühlingshimmel: „Das wäre doch ein schöner Moment zum Sterben.“

Den Krebs hat Jürgen Bartel lange Zeit kunstvoll verdrängt. Auf Exkursion ist er nie wieder gefahren.

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