Nachruf : Peter Paschke (Geb. 1937)

Mit dem Alter schrumpften der Wagemut und seine Hunde.

Judka Strittmatter

Die glänzenden Augen seiner Auftraggeber beim Einzug in die eigenen vier Wände hatten es ihm angetan: Beinahe 500 Häuser stehen in Berlin vom Architekten Peter Paschke, Ein- und Zweifamilienhäuser. Nicht jeder Bauherr war ein reicher Mann, aber jeder wollte sich diesen Traum erfüllen. Weil Peter Paschke den Traum verstehen konnte, half er, die Kosten klein zu halten. Gab Anschauungsunterricht im Maurern, mit der Kelle, oben am Gerüst. Ein Leidenschaftlicher. Doch bei weitem kein Perfekter.

Geld war seine Sache nie. Dafür hatte er kein Händchen, oft war es einfach nur verschwunden, versickert in Projekten, und er saß mit Schulden da. Das lässt die Hinterbliebenen noch heute manchmal mit dem Kopf schütteln, doch traurig sind sie, weil der liebenswerte, positive Peter fehlt. Der Mann, der Kinder mochte, das Leben auf dem Land, der seine Hunde liebte und schöne, alte Autos. Der Western-Fan und Dixieland-Liebhaber. Ein Haudegen zu Jugendzeiten, der mit dem Bruder nachts Wettrennen um die Siegessäule fuhr. Schon einmal, viele Jahre früher, hatte die Mutter einen Sarg bestellt: Von einer Reise mit dem Motorrad ins Ausland kam er wieder, etliche Tage zu spät.

Schwester Ute Krüger, 66, möchte über den Bruder in einem Café im Volkspark Rehberge sprechen. Unweit von hier, „auf Plötzemeika“, wie der Plötzensee beim Alt-Weddinger heißt, waren sie Schlittschuh laufen in der Jugend. Aber nicht nur hin und her, sondern gekonnt, mit Dreiern und Achtern und rückwärts übersetzen und Eiswalzer komplett. Von alten Fotos lacht ein Bonvivant mit Bart, dem manches zuzutrauen ist. Für die Familie ein Quell der Überraschung: im Wald ein Feuer zaubern oder Faxen machen mit Schapka und in Knickerbockern. Die Kinder liebten es, ihn zu bestaunen. Und seinen Geschichten zuzuhören. „Er konnte eine ganze Gesellschaftsrunde mit seinen Erlebnissen unterhalten, die ausgedacht klangen, aber allesamt wahr waren“, erinnert sich die Schwester. Wer kennt schon einen, der sich, unterwegs mit dem Cousin und einem Messerschmitt-Kabinenroller, während der Fahrt an einen Laster hängt? Mit dem Hosenriemen, nur um Sprit zu sparen? Ihr Bruder, der geliebte Hasardeur.

Angelika war seine dritte Frau. Über eine Anzeige im Tagesspiegel lernten sich die beiden kennen. Wie er so vor ihr stand, mit Hund und rotem Pulli über den Schultern, war alles klar. Zu schön, erzählt sie, das kleine Ritual, mitten im größten Arbeitstrubel gemeinsam abzuschalten. Nur für ein Stündchen. Rauszufahren an den Ku’damm, Kaffee trinken. Einmal hat er an einem solchen Tag Sturzbäche geweint: Hund Asco war krank und musste eingeschläfert werden.

Mit dem Alter schrumpften der Wagemut und seine Hunde: Ein Tibet-Terrier wurde angeschafft. Die Bauerei war immer noch Thema, doch neue Technologien ihm ein Graus. Ein Computer oder gar ein Handy? Internet? Nicht für ihn. Was Peter Paschke noch angehen oder hinterlassen wollte, erledigte er mit Füllfederhalter, freilich einem von Montblanc.

Am Ende verschwand er über Nacht, einsamer Herztod beim Gang zum Bad, sowohl Schwester als auch Frau stehen nun allein mit Plänen da, deren wichtigste Komponente Peter hieß. Nicht nur, weil er ein Macher war, auch weil gut tat, ihn dabei zu wissen. Was wird jetzt mit dem Häuschenbau im Brandenburgischen und mit der Reise in die Masuren? In seiner Hosentasche fand seine Frau Angelika noch eine Quittung für ein Buch. „Wolken über weitem Land“, eine Familiengeschichte aus den Masuren. Er hat auf alle Fälle mitgewollt.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben