Nachrufe : Joachim Fischer (Geb. 1935)

Beinahne 40 Jahre arbeitete Joachim Fischer als Statist an der Deutschen Oper. Seine Arbeit war für ihn weit mehr als nur ein Job: Fischer war ganz nah dran an der großen Kunst

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Lohengrin, zweiter Akt, der Hochzeitsmarsch. Elsa und der Brautzug schreiten aufs Münster zu, der Bischof tritt heraus. Er singt nicht, muss nur entsetzt schauen, als Ortrud hereinstürzt und die Zeremonie stört. Wie das Statisten eben machen: da sein, ohne selbst in der ersten Reihe zu stehen. Damit die Sänger umso stärker leuchten.

Der Bischof, das war Joachim, das passte zu ihm. Aufrecht und väterlich wirkte er, eine gütige Autorität. Gelehrtenrollen hat er oft gespielt, den Pfarrer in den „Meistersingern“, den Kardinal im trubeligen Finale des ersten Akts von „Tosca“. Alles Inszenierungen von Götz Friedrich, der hat Joachim geschätzt und ihn immer wieder besetzt. Fast 20 Jahre war Friedrich Intendant der Deutschen Oper. Joachim hat ihn da locker überrundet. Beinahe 40 Jahre hat er der Statisterie die Treue gehalten. Davon und dafür hat er gelebt.

Er betätigte sich als Archivar seiner weitverzweigten Familie

Geboren in Dessau, machte Joachim sein Abitur in Braunschweig, studierte Altphilologie und Geschichte in München und Göttingen. Dann lockte Berlin, wie so viele auch ihn. An der Freien Universität schrieb er seine Magisterarbeit, eine Promotion fing er an.

Auch wenn die Geschichte nicht zu seiner Wissenschaft wurde, interessiert hat er sich dafür bis zuletzt. Er betätigte sich als Archivar eines Zweigs seiner weitverzweigten Familie.

Die Musik liebte er seit jeher, und in der Oper kam zur Musik auch noch die Bühne! Wie er zur Statisterie an der Deutschen Oper kam, weiß niemand mehr zu sagen; es ist so lange her. Dass die Sache für ihn weit mehr als nur ein Job war, so viel ist sicher. Wie aufgeregt er bei seinem ersten Einsatz war, daran erinnert sich seine Schwester. Er spielte einen Apotheker in der Janácek-Oper „Aus einem Totenhaus“. Die unmittelbare körperliche Nähe zur großen Kunst, die Klänge, die Chöre, die Gänsehautmomente, das alles gehörte dazu. Da schleppte er gern mit den anderen den tonnenschweren Thron in „Aida“. Voller Stolz und Vorfreude strich er sich die Stücke im Kalender an, in denen er auftrat. Und weil er so zuverlässig war, durfte er auch mit auf die Gastspielreisen der Deutschen Oper: 1993 nach Japan, 2008 nach China. Abends zog er mit Kollegen durch die Straßen von Peking. Er war enorm belesen, erklärte ihnen die fremde Kultur.

Über 40 Jahre lebte er im Ludwigkirchkiez

Die Wohnung, in der Joachim bis zum Schluss lebte, hatte er gleich nach seiner Ankunft in Berlin Anfang der Siebziger bezogen. Das prachtvolle Mietshaus am Fasanenplatz, vom Architekten Hans Grisebach entworfen, gehörte einem Bekannten seines Schwagers, und der suchte gerade einen Mieter für die Absteige unterm Dach. Da gab es nur einen Wasserhahn im Flur. Joachim hat das nie gestört, eine Dusche bekam er erst vor einigen Jahren.

Über 40 Jahre hat er hier gelebt, im Ludwigkirchkiez, dem stillen Herzen von West-Berlin. Alleine, unverheiratet, aber mit vielen Freunden. Wie Suna, die so gerne für ihn türkisch kochte. Zu ihrem Börek reichte er seinen Besuchern seinen eigenen Salat und Sherry.

Joachims Schätze, die Bücher und Schallplatten, füllten bald die Regale bis an die Decke. Bach war der eine Hausgott, der andere Lessing. Letzterer hatte im 18. Jahrhundert in Joachims uralte Familie eingeheiratet. Ein Lessing-Porträt hing über dem Schreibtisch, den die Geschwister Kasimir und Julchen, die Katzen, als ihr Revier betrachteten. Aus dem Fenster blickte Joachim über alte Bäume hinweg aufs Haus der Berliner Festspiele, konnte das Murmeln der Besucher hören und in der Ferne den Fernsehturm sehen.

Obwohl er kaum noch laufen konnte, schleppte er sich in die Oper

Das Berliner Kulturleben bedeutete Joachim alles. Ein Ausgleich war für ihn die Schweiz, wo sein Bruder wohnt. Bern, die Zähringer-Altstadt, in die reißende Aare springen, sich treiben lassen. Und Ausflüge nach Neuchâtel, in den Kanton, der mal preußisch war. Klar, dass er sich dafür interessierte.

Irgendwann begann er zu humpeln. Die Hüfte. „Mit geht’s doch gut!“, sagte er, wenn ihn jemand darauf ansprach. Er wollte nicht wahrhaben, dass der Körper hinfällig wurde. Ein künstliches Hüftgelenk lehnte er ab; dafür sei es noch lange nicht an der Zeit. Er schleppte sich in die Oper, konnte nicht mehr alles spielen.

Die Nachbarn schätzten seine Musik

„Na, wir Alten …“, sagte er, und verstand sich gut mit den vielen Studenten, die neben den Rentnern den Kern der Statisterie ausmachen. Zu Hause gab er Nachhilfeunterricht, befreundete Musiker besuchten ihn, er begleitete sie auf dem Klavier. Im Treppenhaus konnte man das oft hören, die Nachbarn schätzten Joachims Musik. Und dass er die Blumen im Vorgarten pflegte wie auch die auf seinem eigenen Balkon mit dem wackeligen schmiedeeisernen Gitter.

Kasimir und Julchen waren schon gestorben, da wurde an seiner Galle ein Tumor entdeckt. Nun ist auch Joachim tot, in Halensee liegt er begraben. Drei Schienenstränge machen den kleinen Friedhof zu einer Toteninsel, eingebettet in Verkehr, Bewegung, Leben. Das hätte Joachim gefallen. Das letzte Stück an der Deutschen Oper, bei dem er mitgespielt hat, war eines für Kinder, das „Märchen von der Zauberflöte“. Da war er Taminos Vater, der seinem Sohn das Leben zeigen, Wissen vermitteln will. Und eine Weltkugel in der Hand hält.

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