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Nachrufe : Christa Schollain (Geb. 1933)

04.01.2013 15:07 UhrVon Falko Hennig

Was für Freunde sie hatte! Sie war doch nicht mal in der Partei

Sie gab das Tempo vor. Als Schlagfrau beim Rudern, Vierer und Achter, bestimmte sie mit ihren Ruderschlägen die Geschwindigkeit. An der Hochschule für Körperkultur in Leipzig war sie Kanutin, aber schnell wurde sie von den Ruderern abgeworben. Mit ihrer Größe von fast 1 Meter 80 hatte sie die idealen Hebelmaße.

„Christa Temeier, großes T, kleine Eier!“, so stellte sie sich damals vor, aber viele kannten sie nur unter ihrem Spitznamen „die Lange“. Fünf Mal wurde sie DDR-Meisterin, zwei Mal Vize-Europameisterin. Und zwischen 1993 und 1999 wurde sie noch sechs Mal Senioren-Weltmeisterin.

Ihr Vater war jüdischer Abstammung, durfte deshalb ihre Mutter nicht heiraten.

Die starb bald, Christa kam zu den Großeltern, denen sie eine Last war. Sie lief weg, kam in Pflegefamilien, riss wieder aus. 1945 flüchtete sie aus dem schlesischen Breslau nach Greiz und wurde Weberin.

Nach dem Abitur an der Arbeiter- und Bauern-Fakultät und dem Studium in Leipzig wurde sie Lehrerin, heiratete den Mann, den sie später „Schollains Liebling“ nannte. Aber das Zusammenleben funktionierte weder mit Herrn Schollain noch später mit anderen Männern. Sie gab stets das Tempo vor, und das war vielleicht zu schnell.

Sie hätte gern eigene Kinder bekommen, am liebsten eine ganze Fußballmannschaft, aber es klappte einfach nicht. Für Kinder aus der Nachbarschaft ihres Sommergrundstücks war das ein Glück. Dort stand ihr Sommerhäuschen, eine Zauberlaube voller Klimbim, Süßigkeiten, Spiele, Bücher, Eulen in allen Größen und Kinkerlitzchen. Die Wände schmückte sie mit den Zeichnungen und Briefen der Kinder.

Zu einem Osterfest veranstaltete sie eine Suche in ihrem riesigen Garten; und da gab es nicht nur ein kleines Körbchen pro Kind, sondern Puppengeschirr, kleine Autos, Kaffeekannen, die man aufziehen konnte und die mit wackelndem Deckel auf dem Tisch herumfuhren, Salto springende Kängurus – mehr als genug für eine ganze Kinder-Fußballmannschaft.

Seit 1964 lebte sie in Berlin, Anfang der achtziger Jahre wurde sie Erzieherin „für schwierige Fälle“ in einem Internat. Dort lebten Kinder und Jugendliche, deren Eltern gestorben waren, oder die sich nicht um sie kümmern konnten.

Sie selbst war ohne Eltern aufgewachsen, vielleicht fühlten sich viele ihrer Schützlinge bei ihr deshalb zum ersten Mal verstanden.

Christa lernte Lotte Ulbricht kennen, die Witwe von Walter Ulbricht. Ihr schwer erziehbarer Enkelsohn wuchs in einem Kinderheim in Lichtenberg auf, und Christa wurde für ihn zum Ersatz für seine Mutter.

Christas pädagogische Mittel waren weder Zwang noch Strenge. Hatte sich einer ihrer Schützlinge danebenbenommen, zeigte sie deutlich ihre Enttäuschung darüber. Das wirkte besser als jede andere Strafe.

Lotte Ulbricht besuchte Christa in dem Sommerhaus, und die Nachbarn wunderten sich, was für Freunde die Schollain hatte. Sie war doch nicht einmal in der Partei!

Das Internat war eine Villa in Niederschönhausen. Christa und ihre Freundinnen und Freunde gestalteten sie zu einer farbenfrohen Wohngemeinschaft um, wo Gäste ein- und ausgingen, wo gekocht und gelacht wurde, wo Grafiken und ein Michael-Jackson-Poster an der Wand hingen und Comics und Bücher gelesen wurden, an die man in der DDR kaum herankam.

Mit ihrem Dienstwagen, einem grünen Wartburg Tourist, fuhr sie die Nachkommen der Herrscher befreundeter afrikanischer Staaten durch die DDR. Sie waren von ihren Eltern in die DDR geschickt worden, weil Margot Honecker, die Bildungsministerin, auf ihren Reisen für das Bildungssystem der DDR geworben hatte. So gerieten etliche dunkelhäutige Jugendliche in Christas Obhut.

Die nahm sie natürlich auch mit zum Nacktbaden an der Ostsee, das gehörte in der DDR schließlich dazu. Hier aber versagte ihre Vorbildfunktion. Ihre Badesachen zogen die Afrikaner nicht aus. Und dann trug Aissata, die Tochter eines afrikanischen Präsidenten, einen Bikini, wie man ihn in der DDR noch nicht gesehen hatte! Nur zum Duschen im gemeinschaftlichen Waschraum legte sie ihn ab. Als jemand die Tür öffnete, ergoss sich eine Unflat portugiesischer und afrikanischer Schimpfwörter über ihn, die wohl einmalig an der Ostseeküste bleiben wird.

Christa war ein unruhiger Geist und immer unterwegs, zum Nordkap fuhr sie, als das endlich möglich war, und nach Tibet, nach Island, durch die Mongolei und Australien. Zu Hause hielt es sie nie lange, das Auto war unverzichtbar. Wenn sie die Umschläge mit den Strafzetteln aus dem Briefkasten holte, sagte sie nur: „Ach, der Polizeipräsident hat mir wieder geschrieben!“

Der Bauchspeicheldrüsenkrebs ließ ihr nicht viel Zeit. Nach ihrem Tod schrieb ihr der Polizeipräsident noch drei Briefe. Falko Hennig

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