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Nachrufe : Karin Rohr (Geb. 1940)

14.12.2012 00:00 UhrVon Florian Simon

Geräteturnen ist nicht ganz ihre Sache, findet sie

Deutschland im Jahr null. Siemensstadt ist kaum zerstört, die Schornsteine der Fabriken qualmen. Kinder spielen Fußball auf einem Bolzplatz. Ein Mädchen, auf dem Weg zum Flötenunterricht, kommt vorbei und sieht, dass da nicht nur Jungen spielen. Neidisch beobachtet sie Karin Rohr, die mit den anderen um den Ball kämpft.

Die beiden lernen sich kennen und werden gemeinsam im TSV Siemensstadt turnen und Handball spielen. Handball findet noch unter freiem Himmel statt, mit elf Feldspielern. In den fünfziger Jahren erringen die beiden mit ihrem Verein ein paar Mal die Berliner Meisterschaft. Karin hat eine besondere Beziehung zu Bällen, egal um welche Sorte es sich handelt.

„Ballbeherrschung“ nennt man das. Sie behält dieses Talent ihr Leben lang.

Geräteturnen ist nicht ganz ihre Sache, findet sie. Aber den anderen Mädchen schwindelt es, wenn sie sehen, wie Karin den Bock in gewaltige Höhen schraubt, um zur Aufwärmung darüber hinwegzuhopsen. Die Freundinnen besuchen die Carl-Friedrich-von-Siemens-Schule, zu deren Gründung 1951 es hieß: „Im ernsten Bemühen, die Schäden des Zweiten Weltkrieges zu beseitigen und in der Erkenntnis, dass Krieg Unglück und Zerstörung bringt, Frieden aber Glück und Aufbau bedeutet …“

Glück finden die Schüler im Freibad in der Jungfernheide, wo sie sich um Transistorradios scharen und AFN hören, „Fröhlich um 5“. In dieser Zeit entwickelt Karin ihr Erkennungsmal, das sie ein Leben lang beibehält: den hochgestellten Hemdkragen.

Sie hat eine Zwillingsschwester, auf den ersten Blick sind die beiden nicht zu unterscheiden. Doch ihre Rollen sind grundverschieden. Während die Schwester ganz Mädchen ist, trägt Karin den Spitznamen „Bubi“. Sie glänzte in Mathematik und Latein.

An der Schule weht ein besonderer Wind, die Direktorin wird „die rote Micha“ genannt. Die progressiven Lehrer beeindrucken Karin. So etwas will sie auch werden. Nach dem Abitur schreibt sie sich an der pädagogischen Hochschule ein, mit dem Schwerpunkt Sport. Selbstverständlich ist ihre Freundin mit dabei.

Sie wollen einen neuen Schulsport ohne Leistungsdruck, dafür mit der bestmöglichen Förderung auch jener Schüler, die nicht so schnell laufen oder weit werfen.

Während in Berlin der Mauerzement trocknet, geht Karin Rohr nach England, Geburtsstätte diverser Ballsportarten und Heimat des Fair Plays. Sie arbeitet an einer Schule und kehrt nach drei Jahren mit brillantem Oxford-Englisch und Tennis-Leidenschaft zurück.

In den Sommerferien 1970 besucht sie ihre Freundin in Tokio, die dort für einige Jahre an der Deutschen Schule der West- Berliner Enge entflohen ist. Mit ihrem Nissan Sunny und einem Zelt für sieben ausgewachsene Japaner brechen die beiden nebst einer dritten Kommilitonin zur Japanrundreise auf. Bald müssen sie feststellen, dass so ein Zelt für drei auf Unabhängigkeit bedachte europäische Frauen viel zu klein ist. Also weichen sie auf Jugendherbergen aus. Das ist zunächst schwierig, weil man sie für Amerikanerinnen hält; als sie sich jedoch als Deutsche offenbaren, gibt es keine weiteren Probleme.

Zurück in Berlin und nach einer kurzen Odyssee durch verschiedene Schulen kehrt Karin Rohr zurück nach Siemensstadt, zurück auf die Carl-Friedrich-von- Siemens-Schule. Mathematik und Sport, bis zu ihrer Pensionierung.

Dann die Leukämiediagnose. Als ihr das Tennisspiel schwerer fällt, steigt sie auf Golf um. Auch hier beherrscht sie von Anfang an den Ball virtuos. Ihren Freundinnen ist vor jeder Partie klar, wer gewinnen wird. Dennoch lautet Karins Devise nach einem verschlagenen Ball: „Wir müssen Demut haben“.

Dem Krebs hält Karin Rohr sechs Jahre mit Lebensfreude stand. Ihr Tod kommt für alle Freunde überraschend.

Wer an ihrem Grab steht, hört den schönen Lebenslärm vom Sportplatz, der sich gleich hinter der Friedhofsmauer befindet. Florian Simon

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