Berlin : Nächtliche Szenen aus der Parallelwelt

Zum Abschluss trotzen die MoMA-Fans dem Schlaf

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Die erste durchgehend geöffnete Nacht in der Neuen Nationalgalerie ist ein weiterer Beleg dafür, dass die MoMASchau zu einem Paralleluniversum geworden ist, in dem bestimmte Gewissheiten weitgehend außer Kraft gesetzt sind. Vor allem jene, dass Menschen nachts schlafen und nicht in Museen gehen und dass Museen deshalb nachts geschlossen sind.

Bis zwei Uhr früh war die Ausstellung an einigen Tagen schon geöffnet, so voll wie tagsüber war sie aber nie. Jetzt ist das anders. Die Neue Nationalgalerie ist am Freitagmorgen um zwei Uhr genauso frequentiert wie zwölf Stunden zuvor. Auch die Warteschlange legt sich in der Nacht ziemlich genau einmal ums Haus.

Muss man sich Sorgen machen? Um die Kondition einiger Besucher vielleicht. Ein Paar, Mitte fünfzig, wartet stundenlang, wird hereingelassen – und gibt kurz danach auf. „Ich kann nicht mehr, so sehr ich will“, sagt sie um kurz vor drei, ihre Augen sind rot gerändert. Im Foyer schläft ein junger Mann auf der Sitzbank vor dem Buchladen, die Baseballmütze tief ins Gesicht gezogen.

Man sieht mehr Muskelshirts und Turnschuhe als tagsüber. „Das Publikum ist deutlich jünger als am Tag“, sagt eine Aufseherin. Manche Jacken und Pullover, die an den Bildern vorbeistreifen, riechen nach kaltem Rauch, als seien ihre Besitzer aus einer Bar hierher gekommen. Warum geht man mitten in der Nacht in ein Museum? Wen man fragt, die Antworten gleichen sich: Hauptsache, noch mal drin gewesen. Sollte man schon gesehen haben.

Punkt drei Uhr Auftritt Putzkolonne. Zuerst ist der Raum dran, in dem Van Gogh und die Symbolisten hängen. Sie entfernen den Staub, der sich im Lauf des Tages auf Fußboden und Podeste vor den Bildern gelegt hat und der an manchen Stellen aufstiebt wie pulvriger Neuschnee. Die Besucher müssen den Teil der Ausstellung, der geputzt wird, vorübergehend verlassen, beäugen die professionelle Staub-Entsorgung aber aufmerksam. Ein Kamerateam filmt.

Ein Radiosender sagt um kurz nach drei die aktuelle Wartezeit durch: Vier Stunden. Für eine junge Frau ist Matisses Tanz ein Traum. Sie ist vor dem Bild im Sitzen eingeschlafen, den Kopfhörer des elektronischen Führers hat sie noch auf. Gut zwanzig Minuten später verabschieden sich ihre Freundinnen. Ob sie nicht auch gehen wolle? Sie schüttelt den Kopf. Sie wolle sich noch einiges ansehen. Auch ein Mann Mitte vierzig wirkt, als lasse er sich durch nichts von seinem Konzept abbringen. Offenkundig weiß er, was er sehen will. Er stellt seinen Klapphocker vor Van Goghs Sternennacht und Matisses Tanz auf. Dann sitzt er, zwanzig Minuten, eine halbe Stunde, regungslos.

4.25 Uhr. Die Putzkolonne hat ihr Werk verrichtet. Die Damen feixen, als sie durchs Foyer laufen. „War echt super, das Schauputzen“, sagt eine. Die Schlange wird nicht kürzer.

Gegen halb fünf Uhr morgens fährt eine Familie zurück nach Dresden. Der Vater, ein Beamter, will sich direkt im Büro absetzen lassen. Ein Taxifahrer sagt, er verstehe das alles nicht. Sei ihm aber egal. „Das Geschäft läuft.“ mne

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