Berlin : Narben einer Stadt

Zwei Finnen malen lieber die unspektakulären Orte Dann sieht sogar der Bierpinsel schön aus

Thomas Loy

„Bierpinsel yöllä“ heißt das Bild. Bierpinsel bei Nacht. Und es ist frappierend schön. In eine blaue Blume hat sich der hässliche Klotz am Stiel an der Steglitzer Schloßstraße verwandelt. Das ist keine willkürliche Aufhübschung mit der Farbpalette, sondern Ergebnis intensiver Dauerbeobachtung eines geheimnisvollen Ortes mit den Augen eines Malers. Eines finnischen Malers. Heinrich Ilmari Rautio aus der Nähe von Helsinki kam Ende 2004 mit seinem Malerkollegen Pekka Hepoluhta eher zufällig nach Berlin. Sie waren auf der Heimreise von der Toskana nach Finnland, wollten nur übernachten. Doch diese Stadt mit ihrer Narbenarchitektur forderte sie heraus.

Heinrich Ilmari Rautio – der Vorname Heinrich ist ein Tribut an seine deutsche Mutter – sieht aus wie Reinhold Messner und liebt die finnische Einsamkeit. Für ihn ist die nie ermüdende Großstadt willkommener Kontrast zu seinem Landhaus bei Helsinki mit dem riesigen Rosengarten, den seine Frau betreut. Rautio sitzt gedankenvoll im Turmrestaurant des Bierpinsels und schaut verliebt auf seine Espressotasse. „Eigentlich könnte ich nur noch diese Tasse malen. Das Problem ist dabei, dass irgendwann die Routine hereinbricht. Zum Malen braucht man aber einen Kick.“ Genau den hat Berlin geliefert. Am Kraftwerk Lichterfelde, dem Güterbahnhof Halensee, an der Stadtautobahn oder einer öffentlichen Toilette. Am besten abends in der blauen Stunde. Schöne und hässliche Orte gegeneinander auszuspielen, davon hält Rautio nichts. Bierpinsel, Straßenimbiss oder Tankstelle seien „das Salz einer Stadt. Das muss man erhalten“.

Pekka Hepoluhta malt lieber tagsüber. Sein Bierpinsel liegt deutlich näher am Original. Fasziniert haben ihn vor allem die blau schimmernden Fenster und die „lebendige Atmosphäre“. Wenn man ihm widerspricht, über Autolärm und Anonymität lamentiert, spannt er sein Gesicht zu einem großen Staunen. Hepoluhta trägt ein graumeliertes Sakko und eine blasse Cordhose zum längs gestreiften Hemd. Er pflegt das Ideal eines Künstlers, dem es nicht um seine Person geht. An Berlin schätzt er die großzügigen Parkflächen, Bürgersteige und Mittelinseln, scheinbar nur dazu da, Maler und Palette aufzunehmen. In seiner Heimat gebe es oft nur Platz für die Autos.

In Finnland sind Rautio und Hepoluhta keine Unbekannten. Ihre Landschaftsbilder und Stillleben hängen in großen Sammlungen und Museen. „Beobachtungsmalerei“ mache er, sagt Rautio. Sein Atelier ist die Welt. In Italien war er unterwegs, in Frankreich und China. Ein ganzes Jahr könne es dauern, bis er eine Szenerie zufriedenstellend auf Leinwand fixiert habe. Oder nur drei Stunden. Dass Malen unter freiem Himmel nicht gerade en vogue ist, stört die beiden nicht.

Wenn sie in Berlin sind, wohnen Rautio und Hepoluhta bei ihrem Steglitzer Malerfreund André Krigar. Ihm haben sie mit ihren Bildern „die Augen geöffnet“ für seine Umgebung. Den Bierpinsel hat er zum ersten Mal portraitiert, aber weil er nicht den finnischen Blick hat, ist er mit dem Ergebnis nicht zufrieden. Seit 15 Jahren war Krigar nicht mehr im Turmrestaurant. Es habe sich am Interieur nichts geändert, sagt er. Und Hepoluhta überlegt schon, wo er seine Staffelei aufstellen könnte. Mit Berlin ist er malerisch noch nicht fertig.

„Der finnische Blick“ heißt die Ausstellung mit Berlin-Bildern von Pekka Hepoluhta und Heinrich Ilmari Rautio, bis zum 25. November in der Galerie Classico, Schützenstr. 52, Steglitz. Infos: 797 093 84.

0 Kommentare

Neuester Kommentar