Berlin : „Nett, Sie wiederzusehen!“

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Wer weiß, warum Klaus Wowereit zu Ehren des amerikanischen Präsidenten eine rote Krawatte zum kleinen grauen Arbeitsanzug trägt. Rot ist die Liebe, rot-rot ist der Berliner Senat. Aber die PDS-Senatoren haben keine Zeit für George W. Bush. Wowereit nimmt es schulterzuckend hin – deren Sache. Der Regierende ist früh auf den Beinen, der Bush-Tag ist auch sein Tag.

Er hat seinen Terminkalender ganz auf das große Ereignis abgestimmt. Sieht man von einem „Dienstfrühstück“ ab (mit wem, bleibt sein Geheimnis, wie er es gelegentlich liebt), widmet er fast alle Zeit den „Medienterminen“, sprich Interviews. Und natürlich ist er schon eine Stunde vor Bush im Reichstagsgebäude, alles für die Presse. Komplizierte landespolitische Dinge stehen nicht an.

Eigentlich wollte Wowereit schon längst in Australien sein. Nun genießt er den Tag. Er müsste direkt dankbar sein für den politischen Druck, der seiner Erkenntnis über die Bedeutung des Bush-Besuches nachgeholfen hat. Er genießt seine doppelte Präsenz – am Mittwochabend als Regierender Bürgermeister mit Bush und Bundeskanzler Schröder im Tucher am Pariser Platz, dann am Donnerstag als Bundesratspräsident im Bundestag. Während Wowereit in der Lobby die Presse freigiebig mit Futter versorgt, füllt sich der Plenarsaal. Die Berliner Landespolitik ist gut vertreten, nur eben nicht durch die PDS und die Grünen. Parlamentspräsident Walter Momper (SPD) und Vizepräsident Christoph Stölzl (CDU) sind da, die Fraktionschefs Michael Müller (SPD), Frank Steffel (CDU) und Martin Lindner (FDP) sitzen auf den Zuschauertribünen und viele alte Amerika-Freunde, auch der ehemalige Regierende Bürgermeister Klaus Schütz (SPD). Momper hat seinen Tribünenplatz neben dem ehemaligen amerikanischen Botschafter John Kornblum. Auf der Bundesratsbank haben sich die SPD-Senatoren Karin Schubert, Peter Strieder und Ehrhart Körting niedergelassen , Ehrensache.

Es ist 14 Uhr 02, als ein Gong ertönt und sich alles von den Plätzen erhebt. George Bush zieht feierlich in den Plenarsaal ein, flankiert von Bundespräsident Johannes Rau und Bundestagspräsident Wolfgang Thierse, neben dem Bundeskanzler und dem Bundesverfassungsgerichtspräsidenten Hans-Jürgen Papier schiebt sich Wowereit, die Schultern leicht vorgebeugt, zu den Ehrensesseln ganz vorn. Die fünf Repräsentanten der Verfassungsorgane haben Bush schon vorher begrüßt. „Nett, Sie wiederzusehen“, hat ihm Bush gesagt. Wowereit ist des Lobes voll über die Rede des Präsidenten mit dem Appell, dass man den internationalen Terrorismus nur international bekämpfen kann. Als PDS-Bundestagsabgeordnete ein Transparent gegen Krieg und für Frieden entfalten, wird es einen Moment unruhig. Und Wowereit wird aus den Reihen der CDU/CSU zugezischt: „Und das sind nun Ihre Freunde, Herr Wowereit!“ Der Regierende meint dazu vor der Presse später nur: „Unflätigkeiten kommentiere ich nicht. Man soll die Würde des Parlaments und dieses Besuchs nicht durch solche Aktivitäten verletzen.“ Zum Abschied bekommt er von Bush noch einmal einen Händedruck und einen unkonventionellen Schlag auf die Schulter. Das freut ihn.

So endet der große Besuch. Und während zwischen Reichstag und Friedrichstraße alles für die Wagenkolonne des Präsidenten zum Flughafen abgeriegelt ist, muss sich auch Wowereit sputen. Er macht sich auf ins Rote Rathaus. Abends fliegt er nach Australien, die Reden und Spickzettel dafür müssen noch gesichtet und eingepackt werden. Und er will einen aufgeräumten Schreibtisch hinterlassen. Nach Hause muss er nicht mehr. Zum Büro des Regierenden gehört schließlich ein Bad. Brigitte Grunert

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