Neue Ausstellung : Der Tod lauerte an der Spree - Fotos von der Oberbaumbrücke

Getrennt sind Friedrichshain und Kreuzberg auch heute durch die Spree. Vor 20 Jahren war diese Grenze eine Staatsgrenze, und sie war tödlich. Daran denkt keiner der Partygänger mehr, die heute zwischen den Clubs Matrix und Watergate über die Oberbaumbrücke pendeln. Ein Verein will mit einer Ausstellung an früher erinnern.

Udo Badelt
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Brücke der Teilung. Die Luftbildaufnahme - im Auftrag der DDR-Staatssicherheit angefertigt - zeigt, die Sperren an der...Foto: Bundesbeauftragte für die Stasi-Unterlagen

BerlinGetrennt sind Friedrichshain und Kreuzberg auch heute noch vom breiten Band der Spree. Vor 20 Jahren allerdings war diese Grenze eine Staatsgrenze, und sie war tödlich. Daran denkt vermutlich keiner der Partygänger mehr, die heute zwischen den Clubs Matrix, Busche, Speicher und Watergate über die Oberbaumbrücke pendeln. Aber: „Bevor die Mauer fiel, stand sie“, sagt Martin Wiebel, Vorstandvorsitzender des Vereins „Kulturraum Zwingli-Kirche“. Was das für die Bewohner der beiden Bezirke bedeutete, will der Verein ab 13. August, dem Jahrestag des Mauerbaus, mit der Fotoausstellung „Vor dem Fall der Mauer“ zeigen. Sie wird bis zum symbolgeladenen Datum 9. November zu sehen sein.

Der Ort ist nicht ohne Reiz, denn die Zwinglikirche ist sowieso schon ein Bau, an dem Kunstgeschichte und politische Geschichte ineinander verwoben sind. Sie wurde 1908 vom kaiserlichen Baurat Jürgen Kröger errichtet, zu einer Zeit, als man keine Probleme hatte, romanische Rundbögen und gotische Spitzbögen gleichzeitig zu verwenden. Von einem Sockel grüßt Gustaf Adolf. Nach ihm durfte die Kirche aber nicht benannt werden, da hatte der Kaiser was dagegen – ein Schwedenkönig in seinem Berlin, das kam nicht infrage. Also musste eine andere für die Reformation wichtige Figur als Namensgeber her. Orgel und Altar sind noch da, die Gemeinde verschwand jedoch in den 60er Jahren, als auch die Mauer gebaut wurde. 2007 gründete sich der Verein, der den Kirchenraum kulturell nutzen möchte. Die rund 40 Mitglieder wohnen alle im Quartier am Rudolfplatz oder haben früher hier gelebt.

So wie Martin Wiebel. Er wurde 1943 in dem zwischen Spree und Bahngleisen eingezwängten Viertel geboren, sein Urgroßvater Maximilian Koch hat als privater Bauherr die rund 75 Gründerzeithäuser, die hier stehen, errichtet. Wiebel wurde in der Zwinglikirche getauft und ging später als Filmproduzent nach Köln zum WDR. Inzwischen lebt er wieder hier. Sein Verein will vor allem zwei Ziele mit der Ausstellung erreichen: Jugendliche, die laut Martin Wiebel heute teilweise nur noch bruchstückhaftes historisches Wissen haben („Die Mauer gibt es seit dem Krieg“) sollen daran erinnert werden, was für ein Monstrum diese Stadt zerrissen hat. Und wenn sich im Herbst zum 20. Jubiläum des Mauerfalls die Veranstalter die Klinke in die Hand geben werden, will man hier mit einer konsequent lokalen Geschichtsschreibung aus der Menge herausstechen. Rund 90 Fotografien aus den Beständen der Birthler-Behörde, aufbereitet von der defa-spektrum GmbH, zeigen das Leben in Friedrichshain und Kreuzberg von beiden Seiten der Mauer – etwa einen jungen DDR-Grenzer, umgeben von altertümlichen Sprechanlagen in seinem Wachturm. Dazu kommen noch einmal rund 90 Bilder aus den Beständen des Bezirksmuseums Friedrichshain-Kreuzberg, in denen konkrete Menschenschicksale aufblitzen – wie die der insgesamt fünf Kinder, die im Laufe der Jahre beim Spielen in die Spree gefallen sind und nicht rechtzeitig gerettet werden konnten. Montiert sind die Fotos auf Zäunen – eine Idee der Studierenden der Hochschule für Technik und Wirtschaft, die bis vor ihrem Umzug nach Oberschöneweide gleich um die Ecke an der Warschauer Straße beheimatet war. Die Zäune machen sofort das Eingesperrtsein deutlich, lassen aber zugleich auch den Kirchenraum sichtbar.

Im Rahmenprogramm ergänzen Kinofilme und Lesungen die Ausstellung, außerdem erzählen wöchentlich Zeitzeugen, wie sie die Mauer erlebt haben, etwa der Bäcker Hubertus Schwarz, der plötzlich die Hälfte seiner Kundschaft verlor, oder der Spieler Manfred Schickram vom Fußballverein FSV Berolina Stralau, der am 13. August 1961 sein 60. Jubiläum feierte. Am nächsten Tag konnte die Hälfte der Mitglieder nicht mehr zurück. Der Verein hat es aber überlebt. Es gibt ihn bis heute.

Ausstellung „Vor dem Fall der Mauer“, Zwinglikirche, Rudolfstraße 14, 13.8.-9.11., geöffnet Mittwoch-Sonntag 15 bis 19 Uhr. Informationen im Internet www.kulturraum-zwinglikirche.de

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