Neue Bucherscheinung : Wie lautet der Berlin-Code?

Ein neues Buch lässt alte und neue Bewohner zu Wort kommen. Dabei geht es um Wegbier, Freiheit und Öffis.

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Drei Grundwerte? Disko, Drinks und Dance.
Drei Grundwerte? Disko, Drinks und Dance.Foto: promo

Zehntausende Menschen ziehen jedes Jahr nach Berlin. Nach den neuesten Zahlen des Statistischen Bundesamtes haben im ersten Halbjahr 2016 bereits fast so viele Menschen ihren Lebensmittelpunkt nach Berlin verlegt wie im gesamten Jahr 2015 – jene, die vor Dreck, der Berliner Schnauze und der kalten Hauptstadt-Ignoranz wieder geflohen sind, schon abgezogen.

Und jedes Jahr wollen uns neu erschienene Berlin-Bücher erklären, wie es sich denn nun wirklich hier lebt, wie es sich anfühlt und wie es sich anfühlen soll. Vor Kurzem ist ein weiteres dieser Bücher erschienen: Der Berlin-Code. Aber halt, nicht gleich genervt die Augen verdrehen, dieses Werk versucht es mal mit einer neuen Taktik. Anstatt Berlin aus der Perspektive eines wortgewandten Berlin-Erklärers zu porträtieren, haben die Autoren des Buches die Berliner selbst gefragt, wie die Stadt denn so tickt.

Wer braucht schon Küste wenn er Kreuzberg haben kann.

Das Ziel: Bei all dem Zuzug den Kern des Berlinerischen nicht zu verlieren. Das Buch soll eine Anleitung sein, an Zugezogene und Besucher. „Es ist sinnvoll eine Momentaufnahme zu machen von Berlin und zu fragen: Warum kommt man nach Berlin? Was macht die Stadt aus?“ Brenda Stromaier und Alexander Wolf, Autoren des Buchs und Initiatoren des Projekts, versuchen, den Berliner Geist bei all der Veränderung zu bewahren.

Vielleicht erinnert sich der ein oder andere an die Guerilla-Kampagne „Like Berlin“, aus der das Buch zu Teilen entstand: In der ganzen Stadt hingen in den vergangenen Monaten große weiße Plakate, in Form eines Bs. Darauf waren Fragen zu lesen wie „Was sind die drei Grundwerte?“ – darunter schrieben Stadtbewohner Antworten wie: „Freie Meinung, freie Oberkörper, Freibier“. Und: „Woher weißt du, dass du Berliner bist?“ Darunter ein großes Herz mit den Worten „Cotti D’Azure“. Wer braucht schon Küste wenn er Kreuzberg haben kann.

Drei Fragen. Neue und fortgeschrittene Berliner machten sich Gedanken über ihre Beziehung zur Stadt.
Drei Fragen. Neue und fortgeschrittene Berliner machten sich Gedanken über ihre Beziehung zur Stadt.Foto: promo

Kombiniert wurde das Ganze mit einer Online-Umfrage – am Ende stand eine Auswertung der Antworten, ergänzt durch ein bisschen Geschichte. Berlin ist ja für seine Toleranz bekannt, das kam bei Alexander Wolf in der Umfrage und auf den Plakaten besonders häufig vor. Danach wurden Geschichtsbücher befragt. Einfach ein diffuses Berlin-Gefühl, oder hat die immer wieder konstatierte Toleranz und Offenheit der Hauptstadt tatsächlich eine historische Basis? Am Ende steht eine kurze Ausführung zum „Edikt von Potsdam“, das 1685 für Zuzug sorgen sollte, indem Religionsfreiheit gewährt wurde, dazu ist der Satz des preußischen Königs Friedrich II. zu lesen, in seinem Land herrsche „Freiheit des Geistes und des Penis“. Anlass: Ein Mann hatte mit einem Esel kopuliert und sollte zum Tode verurteilt werden. Der König annullierte das Urteil mit diesen Worten, so überliefert es zumindest der mit Friedrich befreundete Aufklärer Voltaire.

Meckern mit einem Wegbier in der Hand

Das Buch ist eingeteilt in elf Kapitel, die die Berliner Grundwerte verkörpern sollen. Da gibt es dann Titel wie „Entspann Dir“, zur Berliner Lockerheit, „Schnauze“, „Erforsche Kiezistan“ oder „Mach erst mal den Öffi-Führerschein“ zur Hass-Liebe der Berliner zu BVG und S-Bahn.

Auch hier wird nicht mit Referenzen aus den Geschichtsbüchern gespart. Der Publizist Walter Kiaulehn schrieb etwa Ende der 1950er in „Berlin. Schicksal einer Weltstadt“, dass es sich „meist nach zwei Jahren“ entscheide, ob man ein Berliner wird oder nicht. So lange braucht man laut Kiaulehn nämlich, um Stadtbahnfahren zu lernen.

Keine unwichtige Frage.
Keine unwichtige Frage.Foto: Promo

Und was machen die Berliner am liebsten in den Öffis? Die lockere Berliner Art und den rauen Umgangston konnte man dem Berlin-Code zufolge auch schon im 18. Jahrhundert finden. Friedrich Wilhelm I. soll einer der Ersten gewesen sein, der die Berliner Art als akzeptierten Umgangston gesellschaftsfähig gemacht hat. Regelmäßig hielt er „Tabakskollegien“ ab. Inhalt: Rauchen, Saufen und derbe Gespräche. Der Hof als Eckkneipe.

Verkaterter Neuberliner mit Kreativjob überrepräsentiert

Es finden sich auch politische Forderungen im Buch, etwa zum Wohnbau oder dem öffentlichen Verkehr. Auf die Frage, welche Veränderung der Stadt gut tun würde, sagt Wolf: „Die Berliner müssen mehr Verantwortung für ihre Stadt übernehmen.“

Am Ende muss man allerdings sagen, dass der Neuberliner, der sich und seine Stadt feiert und um halb eins am Nachmittag aus dem Bett rollt, um sich in den „Shared Working Space“ zu schleppen und seinem Kreativjob nachzugehen, etwas überrepräsentiert ist. Das gibt auch Alexander Wolf zu, und er empfiehlt: „Wenn Sie sich in dem Buch nicht vertreten fühlen: Nehmen Sie doch an der Umfrage zu den Berliner Werten teil. Wir updaten den Berlin-Code laufend.“

Brenda Strohmaier/Alexander S. Wolf: „Der Berlin-Code – Eine Bedienungsanleitung in elf Geboten“. be.bra verlag, 180 Seiten, 10 Euro. An der Umfrage können Sie unter www.likeberlin.de teilnehmen.

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