Berlin : Neue Krimi-Reihe: Mal eben eins auf die Nase

Hella Kaiser

In einer pulsierenden Hauptstadt leben ja nicht nur gute Menschen. Natürlich gibt es auch welche, die Böses im Schilde führen. Nur begegnet man ihnen - dies sei ängstlichen Berlin-Besuchern versichert - relativ selten. In aktuellen Krimis sieht die Sache anders aus: Da mausert sich die Stadt zur Verbrechermetropole Nummer 1. Zum Auftakt seiner Berlinkrimi-Reihe hat der be.bra Verlag gleich zwei Werke ins Rennen geschickt.

Doch wo beginnt Mani Beckmanns Buch mit dem Titel "Tödliche Vergangenheit"? In Los Angeles. In einem aus Versehen für die Nacht gebuchten Stundenhotel lernt der Berliner Paul einen heruntergekommenen Säufer namens Phil kennen. Der Amerikaner, der früher in Berlin gelebt hat, zeigt ihm das Foto seiner Tochter, die er seit zwölf Jahren nicht mehr gesehen hat. Phil darf sich in Deutschland nicht mehr blicken lassen, er sei, so sagt er, persona non grata. Merkwürdiges muss damals geschehen sein, und Paul brennt darauf, die Hintergründe zu erfahren. Phil allerdings kann ihm nichts mehr erzählen, denn der ist am nächsten Tag schon mausetot.

Alles deutet auf Selbstmord hin, aber hat der glücklose Schriftsteller wirklich Hand an sich gelegt? Paul zweifelt und forscht in Berlin nach. Zur gleichen Zeit zieht Peter, gut behütet in der Provinz aufgewachsen, in die Stadt. Die Hinterhausbutze in der Kreuzberger Ratiborstraße ist alles andere als eine feine Adresse, aber für einen, der sich endlich von seinen Eltern abnabeln will, genau das Richtige. Immerhin steckt die Wohnung voller Geheimnisse. Peter stöbert in den Hinterlassenschaften des zuvor hier ansässigen Privatdetektivs Jake Thornbush, der spurlos verschwunden ist. Ob das mit seinem letzten Fall zu tun hat? Peter lässt den Film aus Thornbushs zurückgelassener Kamera entwickeln und wird zum Hobbyinspektor. Nicht eben professionell geht er zu Werke und bekommt prompt eins auf die Nase. Aber er lässt nicht locker, stellt sich immer cleverer an und findet jenes Haus, das Thornbush zuletzt observiert hatte: eine Villa in Lehnitz. Auch Paul stößt bei seinen Recherchen irgendwann auf diesen Ort. Denn hier lebt Phils Tochter Maria mit ihrem Großvater, der - aber das wird sich erst gegen Ende des Buches herausstellen - eine wichtige Rolle in der Geschichte spielt. Mit Phils Tod in Los Angeles hat sie zwar nur am Rande zu tun, ist aber dennoch ein Stück in dem Puzzle, das sich da Seite um Seite zusammenfügt.

Während Paul und Peter jeweils "ihren" Fall lösen wollen und sich nicht einmal kennen, entdeckt der Leser immer mehr Parallelen und Überschneidungen. Geschichte - in diesem Fall die braune deutsche Vergangenheit - und Gegenwart überlappen sich. Ein feines Netzwerk hat Autor Mani Beckmann da gesponnen. Der eine oder andere Schlenker wäre verzichtbar, etwas mehr Witz wünschenswert gewesen. Unterm Strich aber ist das Buch unterhaltsam und vor allem: spannend bis zum Schluss.

Bernhard Thiemes Krimi "Ein Toter zu viel" dagegen kommt vor allem verwirrend daher. Dabei fängt die Sache so vielversprechend an. Im gerade ausgepackten Umzugsgut des Bundespresseamtes finden sich (grusel, grusel) die Köpfe von zwei Bundestagsabgeordneten. Wie sind die in den Karton gekommen, und wer hat die Politiker, einer CDU, der andere PDS, gemeuchelt? Um das zu erklären, holt der Autor sehr weit aus. Dutzende von Namen und Personen führt er ein und springt zwischen den 70er und 90er Jahren hin und her. Immerhin bekommt man so einen guten Eindruck von der wundersamen Wandlung in Berlin-Mitte. Zu DDR-Zeiten war es schließlich rund um die Hackeschen Höfe gar nicht schick.

Die Aufklärung der Morde ist knifflig, die Fahnder kommen nur im Schneckentempo voran. Ein zähes Unterfangen, auch für die Leser. Wer mal mit wem und warum zu tun hatte, ist immer schwerer zu durchschauen. Was hat die chinesische Mafia mit Grundstücksspekulationen, der Stasi und dem Transrapid zu tun? Kurz: Wer seine grauen Zellen auch beim Krimilesen gern anstrengt, kann das Buch testen. Für den Nachttisch ist es nichts.

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