Neue Studie zu Berlins Sekundarschulreform : Schwache Schüler profitieren noch nicht

Nach der Abschaffung der Hauptschulen in Berlin überwiegen die negativen Befunde. Senatorin Scheeres verspricht weitere Reformschritte.

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Die Anfangszeit der Reform war vor allem deshalb kritisch, weil viele Schulen fusionieren mussten. Dies betraf auch diese Schüler der Johanna-Eck-Schule.
Die Anfangszeit der Reform war vor allem deshalb kritisch, weil viele Schulen fusionieren mussten. Dies betraf auch diese Schüler...Foto: Mike Wolff

Die Struktur stimmt, das Ergebnis noch nicht. So ungefähr lässt sich die wissenschaftliche Bilanz der Sekundarschulreform zusammenfassen, die am Mittwoch vorgestellt wurde. Zentrale Ziele wurden demnach verfehlt, mitunter hat sich die Lage der Schüler sogar verschlechtert. Bildungssenatorin Sandra Scheeres (SPD) kündigte daraufhin weitere Reformschritte an, während die CDU die Reform für „gescheitert“ erklärte.

"Leichte Leistungsrückgänge"

Tatsächlich lesen sich entscheidende Passagen der Zwischenbilanz alarmierend. „Der Zusammenhang zwischen familiärer Herkunft und Kompetenzerwerb ist unverändert geblieben“, schreiben die Wissenschaftler vom Deutschen Institut für Pädagogische Forschung (DIPF). Damit ist eine entscheidende Erwartung bei der Abschaffung der Hauptschulen ins Leere gelaufen. Schlimmer noch: In den am stärksten von den Umstellungen betroffenen Schulen waren beim Deutsch-Leseverständnis und in den Naturwissenschaften sogar „leichte Leistungsrückgänge“ feststellbar. Dies entspricht den Befunden bei den letzten Vergleichsarbeiten. Die Bildungssenatorin teilte daher mit, dass es künftig „standardsichernde Arbeiten“ in Klasse 9 geben soll.

Massenhafter Wechsel in die Oberstufe

Thematisiert wurde auch der gehäufte Übergang der Sekundarschüler in die gymnasiale Oberstufe: Die Quote stieg von 23,5 auf 41 Prozent. Wie der Tagesspiegel schon 2014 berichtet hatte, waren die Hürden für diesen Übergang abgesenkt worden, was die Bildungsverwaltung immer wieder bestritten hatte. Im Ergebnis stellen die Wissenschaftler nun „substanzielle Leistungsrückgänge“ der zum Übergang in die Oberstufe berechtigten Schülerschaft fest. Dies betrifft allerdings nur die ISS ohne gymnasiale Oberstufe. Um die Sekundarschullehrer künftig besser auf ihre Aufgaben vorzubereiten, soll es ab 2018 nur noch einen gemeinsamen Master für Lehrer von Sekundarschulen und Gymnasien geben.

Grafik: Tsp/AS

Weniger "Risikoschulen"

Es gibt allerdings auch gute Nachrichten. Durch die Zusammenlegung schwacher mit besseren Schulen konnte der Anteil der Schulen mit kritischer Schülerzusammensetzung „von 29 auf zwölf Prozent“ gesenkt werden, erläuterte Marko Neumann vom DIPF - und das liege nicht nur daran, dass die Problemschulen zusammengelegt wurden. Die genaue Zahl der sogenannten "at-risk schools" wurde nicht erhoben.
Positiv werten die Wissenschaftler, dass sich durch den Verzicht auf verbindliche Sitzenbleiberregelungen in den Sekundarschulen der Anteil der Neuntklässler, die während ihrer Schulzeit eine oder mehrere Klassen wiederholt haben, von 32 auf 15 Prozent mehr als halbiert habe. Viele Sekundarschullehrer sehen diesen Punkt allerdings kritisch angesichts der mangelnden Kenntnisse ihrer Schüler.

Probleme auch an den Gymnasien

Keine Erklärung haben die Wissenschaftler dafür, dass die Fachleistungen an den Gymnasien – insbesondere in Mathematik – rückläufig sind. Das sei deshalb nicht auf Anhieb zu erklären, weil der Anteil der Schüler, die auf das Gymnasien wechselten, im untersuchten Jahrgang gleich geblieben war. Ein weiterer kritischer Befund betrifft die Schüler, die das Gymnasium aufgrund des nicht bestandenen Probejahres nach der 7. Jahrgangsstufe wieder verlassen mussten. Diese Schüler hätten sich in ihren Leistungen negativ entwickelt. Dies wird darauf zurückgeführt, dass sie an weniger nachgefragte Schulen ohne Oberstufe wechseln mussten: Alle attraktiveren - und meist auch besseren Schulen - sind überfüllt, wenn die "Umsteiger" nach Klasse 7 vom Gymnasium kommen. In den Jahren nach der Reform hat dies immer wieder dazu geführt, dass an unbeliebten oder gar leer stehenden Standorten ganze Umsteigerklassen oder sogar - ein Tiefpunkt im Jahr 2012 - eine ganze Umsteigerschule eröffnet wurde. Später ging man dazu über, in allen Sekundarschulen Plätze für diese auch sogenannten Rückläufer freizuhalten, um die Zahl der Umsteigerklassen zu reduzieren.

CDU: "Eine Ohrfeige für die Bildungsverwaltung"

Es sei jetzt deutlich, dass die „Schulstrukturreform nicht alle unsere Probleme der Segregation lösen wird“, kommentierte die SPD-Bildungspolitikerin Maja Lasic die Ergebnisse. Brennpunktschulen brauchten unabhängig von der Schulform mehr Unterstützung, sonst seien sie im Wettbewerb „dauerhaft im Nachteil“. Förderlich könne sich ein verstärkter Personalaustausch mit Schulen auswirken, die über eine eigene Oberstufe verfügen.

Die bildungspolitische CDU-Sprecherin Hildegard Bentele sieht die ganze Reform als „gescheitert“ an. Die Ergebnisse der Studie seien „eine Ohrfeige für die Senatsbildungsverwaltung“. Die Schulstrukturreform müsse „grundsätzlich überdacht werden“. Als "Skandal" bezeichnete es Bentele, dass die Wissenschaftler am Mittwoch nicht die Quote der Schüler ohne Abschluss thematisierten. Die Erklärung hierfür ist, dass dies erst bei der nächsten Fortsetzung der Studie untersucht wird. Bekannt ist allerdings bereits seit den Zeugnissen 2016, dass es keine Verbesserung auf diesem Gebiet gibt.

„Die notwendige Weiterentwicklung der Sekundarschule zeigt auf, wie unausgegoren und überstürzt dieser neue Schultyp in Berlin durchgedrückt wurde“, meinte der FDP-Bildungspolitiker Paul Fresdorf. Das Ziel, dass das Elternhaus der Schüler für den Bildungserfolg unerheblich sein müsse, „wurde deutlich verfehlt und das trotz 20 Jahre SPD im Bildungsressort“.

GEW: "Selektion bleibt bestehen"

Auch die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) reagierte harsch auf die Befunde. „Die nur halbherzig durchgeführte Schulstrukturreform hat als einzig positives Ergebnis die Auflösung der Hauptschule gebracht. Die Selektion der Schüler entsprechend dem Einkommen und dem Bildungsstand der Eltern bleibt jedoch weiter bestehen“, kritisierte Vorstandsmitglied Nuri Kiefer. Genau davor hatten hatten einige Schulen zu Beginn der Reform vehement gewarnt. Vor allem Brennpunktschulen hatten von Anfang an Angst, dass sich für sie nichts ändern werde, was an einigen Schulen dann auch zutraf, an anderen Standorten aber widerlegt wurde. Aber die Hauptschulen will kaum jemand zurück - nicht einmal die CDU. "Rückkehr zur Hauptschule - nein. Aber kleinere Klassen an den Sekundarschulen und Lehrer, die speziell für die Bedürfnisse in der Mittelstufe ausgebildet sind", hält Bentele für vordringlich. Zudem müssten die "Versäumnisse in der Grundschule angegangen werden".

Trotz allem eine "Meisterleitung", sagt Pisa-Papst Baumert

Die Sekundarschulreform habe "die individuelle Förderung der Schüler nach Eignung und Leistung" nicht genügend in den Blick genommen, kommentierte der Berliner Philologenverband. Angesichts der Ergebnisse
kann der Verband die "positive Darstellung der Senatorin zur Schulstrukturreform nicht nachvollziehen"; Scheeres hatte während der Vorstellung der Studie gesagt, sie sei durch die Befunde "nicht irritiert".
Der Philologenverband forderte abermals "differenziertere Bildungsgänge und eine entsprechend der Bildungsgänge orientierte Lehrkräftebildung".
Pisa-Forscher Jürgen Baumert, die die Studie begleitet hatte, sagte angesichts der Ergebnisse, er sei „ein klein wenig enttäuscht“. Es sei nun klar, dass es noch Zeit brauche, bis sich die neue Struktur einspiele. Das Fundament aber stimme und sei eine „Meisterleistung“ von Scheeres Vorgänger Jürgen Zöllner (SPD). Zöllner hatte die Abschaffung der Hauptschulen und die damit verbundene Einrichtung eines Zwei-Säulen-Modells von Sekundarschulen und Gymnasien 2009 durchgesetzt, obwohl dies in der rot-roten Koalitionsvereinbarung nicht vorgesehen gewesen war und obwohl die Linke eigentlich keine Strukturreform ohne gleichzeitige Abschaffung der Gymnasien akzeptieren wollte.

Die GEW nahm die Vorstellung der Studie zum Anlass, sich zur Forderung der Gymnasialleiter und der CDU nach Abschaffung der Prüfungen zum Mittleren Schulabschluss an den Gymnasien zu äußern. „Mit einer Abschaffung der MSA-Prüfung am Gymnasium würden sich die beiden Säulen noch stärker voneinander abgrenzen". Insbesondere für schwächere Schüler an den Gymnasien sei es wichtig, dass sie  einen echten Prüfungsabschluss nach der 10. Klasse erlangen könnten, sagte GEW-Chef Tom Erdmann.

Die Zusammenfassung der DIPF-Studie finden Sie hier.

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