Berlin : Neues Leben im Schlossparktheater

Mit dem Broadway-Musical „Pinkelstadt“ wagt das traditionsreiche Haus in Steglitz einen Neuanfang. Premiere ist am Donnerstag

Matthias Oloew

Ilja Richter muss dringend verschwinden. Es drückt nicht die Blase, sondern der enge Zeitplan. Die Maskenbildnerin wartet und die Garderobiere, bevor es am Abend weitergeht mit den Proben für „Pinkelstadt“. Das ist der Titel eines Broadway-Musicals, das am Donnerstag im Steglitzer Schlossparktheater Premiere feiert – mit Ilja Richter in der Hauptrolle.

Es sieht ganz so aus, als ob den Machern der Name des Stücks, das im Original „Urinetown“ heißt, selber nicht ganz geheuer ist. Auf Plakaten und Flyern haben sie einen Satz gedruckt, der wie eine handschriftliche Notiz aussieht und fragt: „Ist das wirklich der Titel?“ Ja, ist er wirklich. Um deutlich zu machen, dass es sich dabei um gefeierte Musicalkunst handelt, haben sie direkt unter dem Titel, in viel auffälligerer Schrift, das Kritiker-Urteil der „New York Times“ gedruckt: „Ein sensationelles Werk der Theaterkunst.“

Das findet auch der Hauptdarsteller. „Ich spiele jetzt seit 44 Jahren Theater“, sagt Ilja Richter, der bereits mit 16 Jahren am Schlossparktheater spielte, „aber nicht bei jedem Stück war ich hungrig darauf, mit der Produktion herauszukommen. Ich will das jetzt unbedingt machen, mit dieser Besetzung, mit diesem Regisseur.“ Der sitzt direkt daneben und lächelt glücklich über so viel Lob. Andreas Gergen hat sich mit dem Schlossparktheater und der bevorstehenden Premiere eine große Verantwortung auf seine 30 Jahre alten Schultern gelegt.

Denn die Steglitzer Bühne ist nicht irgendein Haus. Namen wie Hildegard Knef, Klaus Kinski und Martin Held sind mit dem 440-Plätze-Theater verbunden. Oder der des Regisseurs Boleslaw Barlog. Und außerdem steht da noch ein großer Partner im Hintergrund, der auf einen wirtschaftlichen Erfolg setzt – der Musical-Konzern Stage-Holding. Ihr Gründer und Chef Joop van den Ende ist zugleich Produzent des Stücks und der wichtigste Geldgeber. 500000 Euro stehen als Budget für das Stück, das zunächst bis Mai 2005 laufen soll, zur Verfügung.

Gergen schultert die Verantwortung zusammen mit Gerard Michel, mit dem er die Firma Toys Theater GmbH gegründet hat. Michel, wie Gergen ausgebildeter Musicalsänger und Schauspieler, ist als Produktionsmanager die andere Hälfte der Doppelspitze im Haus. Zusammen mit Christian Struppeck gründeten Gergen und Michel vor fünf Jahren eine Theaterproduktionsfirma, die ebenfalls den Namen Toys trägt. Toys inszenierte das vor kleinem Publikum, aber mit großem Erfolg gespielte Charlie-Brown-Musical im Kleinen Theater am Südwestkorso oder das etwas klamaukigere Stück „Non(n)sens“ in der Tribüne am Ernst-Reuter-Platz. Heute ist Struppeck Künstlerischer Direktor bei der Stage Holding, die Kooperation mit der Firma Toys seiner beiden Freunde Gergen und Michel kam somit auf dem kleinen Dienstweg zustande.

Die Stage-Holding betreibt in Berlin das Theater des Westens und das Theater am Potsdamer Platz. Pinkelstadt lässt sich als Off-Broadway-Musical wunderbar zusammen mit den eigenen Shows in derselben Stadt vermarkten, da sie untereinander keine Konkurrenz darstellen. Der selbstbewusste Gergen glaubt an den Erfolg von „Pinkelstadt“. Mit einer durchschnittlichen Auslastung von 70 Prozent rechnen die Macher für ihr Stück, dessen wichtigste Requisite eine Bedürfnisanstalt ist. Es geht um eine Stadt, die nach einer ökologischen Katastrophe unter Wasserknappheit leidet. Private Toiletten sind verboten, Geschäftemacher erkennen ihre Chance und knechten die Bevölkerung mit teuren öffentlichen Toiletten, bis sich ein Held dagegen erhebt…

Kartentelefon: (01805) 4444

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