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Neukölln : Buchhandlungen starten Initiative gegen Rassismus

"Wie lässt sich der Rechtspopulismus stoppen?" - das fragen sich mehrere Buchläden in Neukölln und bieten unter anderem eine "Stammtischkämpfer*innen-Ausbildung" an.

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Die "Buchkönigin" Nina Wehner (l) mit ihrer Mitarbeiterin Luise Steidtmann im Buchladen.
Die "Buchkönigin" Nina Wehner (l) mit ihrer Mitarbeiterin Luise Steidtmann im Buchladen.Foto: privat

Die „Buchkönigin“ heißt eigentlich Nina Wehner. In ihrem Laden in Neukölln gibt es von Kinderbüchern über Comics hin zur Belletristik alles, was geblättert werden kann. Markenzeichen der Buchhandlung „Die Buchkönigin“ ist ein großes Reh auf einem Büchertisch – kein echtes selbstverständlich, nicht ausgestopft. Ihr Laden ist bekannt und gut besucht. Bücher aus dem rechten Spektrum, wie zum Beispiel aus dem Koop Verlang, finden hier keinen Platz. Doch das ist der Königin nicht mehr ausreichend Statement genug, sie macht sich Sorgen um die Zukunft. Als Reaktion auf den Wahlerfolg der Alternative für Deutschland (AfD) macht sie mit bei der Initiative „Neuköllner Buchläden gegen Rechtspopulismus und Rassismus“.

Für den Zeitraum vom 18. November bis zum 10. Dezember wurde eine Veranstaltungsreihe mit Workshops und Vorträgen organisiert, unterstützt von der Amadeu Antonio Stiftung. „Wir Neuköllner Buchläden sagen: Es ist höchste Zeit sich öffentlich gegen diesen Hass zu positionieren. Wir akzeptieren nicht, dass Rassismus, Fremdenfeindlichkeit und Sexismus sich in unserer Gesellschaft ausbreiten“, heißt es in den Programmflyern. „Wir als Buchläden wollen Orte der Aufklärung sein“, sagt Wehner. Die Verantwortlichen der befreundeten Buchhandlungen „Die gute Seite“ und „Leporello“ seien zu ihr ins Geschäft gekommen und die hätten Veranstaltungsreihe vorgeschlagen. Sie seien sich schnell einig gewesen, dass man nach den Wahlen etwas machen müsse gegen die AfD, erzählt Wehner. „Wir veranstalten diese Vorträge auch für uns, um ein Zeichen zu setzen, aber auch, um uns selber intensiver mit Rechtspopulismus zu befassen.“

Cristina Rodrigues (r) und Laëtitia Oxoby in ihrer Buchhandlung, dem Raum B, in Neukölln.
Cristina Rodrigues (r) und Laëtitia Oxoby in ihrer Buchhandlung, dem Raum B, in Neukölln.Foto: privat

Über einen gemeinsamen Verteiler habe man andere Buchhandlungen im Bezirk kontaktiert, die alle zusagten und sofort dabei sein wollten. Insgesamt 12 Geschäfte haben unterzeichnet. „Populismus (in irgendwelcher Form) gefährdet das Zusammenleben, die Empathie und die Wahrnehmung“, sagen Cristina Rodrigues und Laëtitia Oxoby vom Raum B, einem dreisprachigen Antiquariat in der Wildenbruchstraße. „Wenn der Wind nach rechts weht und man sich hier in Gefahr sieht, dann muss man was unternehmen.“ Sie machen mit bei der Initiative, weil es wichtig sei, nun miteinander zu reden und zu verstehen, warum so viele Menschen der AfD folgen. „Dass der Rechtsruck auch in Neukölln Realität ist, haben nicht zuletzt die Berliner Wahlen am 18. September gezeigt“, sagt Vera Henßler vom „apabiz“, einer Plattform, die sich mit der extremen Rechte in Deutschland nach 1945 beschäftigt, Material sammelt und in der Bildungsarbeit aktiv ist.

Der Verein wurde von den Buchläden kontaktiert und wird für die Vorträge verantwortlich sein. „Vortragsanfragen aus Buchläden erreichen uns nicht alle Tage. Bei der Auftaktveranstaltung soll es zunächst darum gehen, den Rechtsruck in Deutschland einzuordnen und einen Blick auf dessen Ursachen und Bedingungen zu werfen.“ Die AfD wurde nicht nur mit 14,1 Prozent ins Abgeordnetenhaus gewählt, sondern zog auch mit 12,7 Prozent in die Neuköllner Bezirksverordnetenversammlung ein. „An so alltagsnahen Orten wie Buchläden dazu eine Veranstaltungsreihe zu machen und dieses Problem zu diskutieren, ist so reizvoll wie naheliegend“, meint Henßler.

Eine gemeinsame Initiative der Neuköllner Buchhandlungen gegen Rassismus.
Eine gemeinsame Initiative der Neuköllner Buchhandlungen gegen Rassismus.Screenshot Facebook

Ein Workshop beispielsweise nennt sich "Stammtischkämpfer*innen-Ausbildung" und findet am 10. Dezember in der Galerie Olga Benario in der Richardstraße 104 statt. Hier sollen gängige rechte Positionen untersucht werden, Leitfrage: Wie kann man ihnen im Alltag begegnen? „Wie können wir in Neukölln und darüber hinaus der AfD etwas entgegen setzen?“, ist auch die Fragestellung eines Abendgespräches am 2. Dezember im Leporello in der Krokusstraße 91 in Rudow. Los geht es jedoch am 18. November in der „Buchkönigin“ in der Hobrechtstraße 65. Der Vortrag heißt „Von Sarrazin zur AfD - Der Aufstieg des Rechtspopulismus in Deutschland.“

Diese Initiative in einem Berliner Bezirk setzt dem Trend einiger größerer Buchhandlungsketten entgegen, immer mehr Bücher und Schriften aus dem Dunstkreis des Rechtspopulismus in den Läden zuzulassen. So berichtete die "TAZ" zuletzt über eine Thalia-Filiale in Bremen, die „extrem rechte Literatur“ aus dem Kopp-Verlag direkt am Ladeneingang beworben habe.

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