Neukölln : Minister in der Manege

Gestern kam Wolfgang Tiefensee zu Besuch an die Rütli-Schule. Sein Bauministerium ist der wichtigste Sponsor der ehemaligen Problemschule, die sich zum Vorzeigeprojekt mausert.

Werner Kurzlechner
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Bundesbauminister Wolfgang Tiefensee zu besuch in der Rütli-Schule. -Foto: dpa

BerlinDer männliche Teil der Zukunft Nordneuköllns wollte auch noch mit aufs Gruppenbild mit Minister. Wolfgang Tiefensee (SPD) hielt gestern bereits ein Mädchentrio fürs Foto im Arm, da drängelte sich forsch noch der neunjährige Faty an seine Seite. "Na, komm her", ermunterte ihn der Bundesbauminister, bevor er sich zur Diskussionsrunde ins Jugendzentrum "Manege" begab. Der kleine Faty freute sich, schlenderte mit seinen Freunden auf den Hof und pritschte gerade ein paar Bälle übers Volleyballnetz, als Stadtentwicklungssenatorin Ingeborg Junge-Reyer (SPD) drinnen sagte: "Die Zukunft liegt in der Hand der türkischen und arabischen Jugendlichen Neuköllns."

Also auch in den Händen von Faty, der in ein paar Jahren ebenfalls die Rütli-Hauptschule besuchen dürfte. Vor einiger Zeit hätte da jeder in Deutschland gewusst, dass Faty eins ganz bestimmt nicht hat: eine Perspektive. Nun allerdings bringt er seinen Bildungsweg wohl auf einem hochmodernen "Campus Rütli" zu Ende. Ihm und seinen Freunden sollen alle Berufswege offen stehen. Um das zu demonstrieren, kamen gestern Tiefensee, Junge-Reyer, Bezirksbürgermeister Heinz Buschkowsky (SPD) und Projektschirmherrin Christina Rau nach Neukölln.

Rütli im Wandel

An der Schule mit dem einst schlimmsten Ruf Deutschlands vollzieht sich in der Tat ein erstaunlicher Wandel. Zweieinhalb Jahre ist es mittlerweile her, als eine Lehrerin der Rütli-Schule einen verzweifelten Brandbrief an den Senat schrieb. Das Kollegium der Hauptschule ergab sich in seine Hilflosigkeit – aufgerieben von alltäglichem Chaos und Pöbeleien. Seit 2006 hat sich hier allerdings eine Menge verändert. Ein neuer Direktor leitet die Geschicke, neue Lehrer und Sozialarbeiter schoben erfolgreich Tanz- und Medienprojekte an, auch die Meinung der Eltern wird öfter als vorher eingeholt.

Doch das soll nur der bescheidene Anfang gewesen sein: In den kommenden Jahren soll sich die Rütli-Schule zum Herzstück eines Bildungsparks entwickeln, auf dem Kinder und Jugendliche vom Kindergartenalter bis zum geglückten Berufseinstieg bestmöglich gefördert werden. 26 Millionen Euro koste das Vorhaben insgesamt, sagte Projektleiterin Ilse Wolter. Die neuen Mensaräume der Rütli-Schule seien voraussichtlich im September bezugsfertig. "Sie sind unser wichtigster Sponsor", begrüßte Buschkowsky seinen Genossen Bundesminister. 2,5 Millionen Euro kommen aus dem Aktionsprogramm Soziale Stadt, das Tiefensees Ministerium verwaltet. "Ich will zeigen, dass die Bundesregierung problembewusst ist", sagt Tiefensee.

Gemeinschaftsschule soll entstehen

Auf einer Fläche von mehr als 40.000 Quadratmetern zu beiden Seiten der Rütlistraße soll auf dem Campus künftig alles vereint sein, was für Bildung und Integration in einem Kiez mit gewaltigen sozialen Problemen gebraucht wird. Die Rütli-Hauptschule fusioniert mit der Heinrich-Heine-Grundschule und der Franz-Schubert-Grundschule zu einer der elf ersten Gemeinschaftsschulen Berlins. Außerdem sollen zwei Kitas, Spielplätze, Jugendzentrum samt Musikschule, verschiedenen Werkstätten sowie Sport- und Freizeitanlagen auf dem Areal Platz finden. Allein für den Bau einer Quartierssporthalle kalkuliert der Bezirk Kosten von 3,8 Millionen. Der Bezirk will Gelder aus verschiedenen Töpfen zusammenbringen, beispielsweise aus den Investitionsmitteln des Bundes für den Ausbau von Ganztagsschulen. Bereit stehen außerdem Zuschüsse etlicher Stiftungen, unter anderem 1,5 Millionen Euro der Freudenberg-Stiftung für eine pädagogische Werkstatt.

Nicht alle Neuköllner aber frohlocken über das Musterprojekt. Die Laubenpieper aus der Kleingartenkolonie "Hand in Hand" werden ihren bisherigen Standort ebenso räumen müssen wie die Gewerbetreibenden auf dem Autohof Mix. Dessen Hauptpächter klagte gegen die Kündigung. "Wir haben die erste Runde gewonnen, aber der Rechtsstreit läuft weiter", sagt Buschkowsky.

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