Berlin : Nicht ganz der Vater

Nikolai Kinski liest Handkes „Selbstbezichtigung“

Sebastian Leber

An seinen ersten Satz auf Deutsch kann sich Nikolai Kinski noch ganz genau erinnern. Da war er 17 Jahre alt und Gast bei Thomas Gottschalks „Late Night Show“. Auf Kommando sollte er den berühmten Satz seines verstorbenen Vaters nachsprechen: „Ich bin so wild nach deinem Erdbeermund.“ Das fand Nikolai Kinski gar nicht lustig – „danach war Deutschland erst mal für mich gestorben.“

Mittlerweile hat er sich an beides gewöhnt: an den Rummel um seinen Vater und an die deutsche Sprache. Vor gut zwei Jahren ist Kinski aus seiner Heimat Kalifornien, wo er bei der Mutter aufwuchs, nach Deutschland gezogen. In Berlin arbeitet er seitdem als Schauspieler und kann bereits einige Erfolge vorweisen: Im vorigen Herbst drehte er mit Hollywood-Star Charlize Theron den Science-Fiction-Film „Aeon Flux“ in den Filmstudios Babelsberg, in diesem Frühjahr stand er zusammen mit John Malkovich für „Klimt“ vor der Kamera. Und spricht inzwischen so fließend Deutsch, dass er jetzt – weitgehend akzentfrei – ein Hörbuch aufgenommen hat: „Selbstbezichtigung“ von Peter Handke. Die Aufnahmen verliefen problemlos – von kleineren Fallstricken abgesehen: „Einmal musste ich 20 Mal das Wort Geschichte wiederholen, das hat mich verrückt gemacht.“ Die Sicherheit des Tonstudios hat Nikolai Kinski heute Abend nicht: Da steht er im Postbahnhof auf der Bühne und trägt „Selbstbezichtigung“ live vor.

Ob der Name Kinski bei seiner Karriere als Schauspieler eher hilft oder behindert, kann der Sohn schlecht einschätzen. „Du kriegst ja nicht mit, warum dir eine Rolle angeboten wird oder warum jemand ein Interview von dir will.“ Auf jeden Fall sei er „stolz, so einen großen Nachnamen tragen zu dürfen.“ Stirn und Lippen erinnern sehr an den Vater, aber das war es dann auch: Von der Pose des unberechenbaren Exzentrikers, die Klaus Kinski nachgesagt wird, ist bei Nikolai nichts zu finden. Der 29-Jährige gibt sich umgänglich und bescheiden – und hört gerne zu. „Das wundert viele, wenn sie mich kennen lernen. Die müssen erstmal ihren großen Respekt ablegen.“ Was nicht heißen soll, dass er keinen eigenen Willen besäße: Auf der Suche nach einer Sprechpartnerin für sein Hörbuch schlug ihm die Produktionsfirma mehrere Schauspielerinnen vor. Nikolai Kinski lehnte ab und bestand auf Mieze, Sängerin der Punkpop-Band Mia.

Die nächsten Jahre möchte er in Berlin weiter Filme drehen. Und vielleicht auch deutsches Theater spielen, „das wäre der nächste große Schritt“. Jedenfalls ist er nicht nach Deutschland gekommen, um vom Ruhm des Vaters zu profitieren. Sondern weil er seine Liebe zu Europa entdeckt hat. Oder anders ausgedrückt: Weil er vom US-amerikanischen Zeitgeist regelrecht ins Exil getrieben worden sei. „Zu wenig Lebensfreiheit“ gebe es derzeit in den Vereinigten Staaten und zu viele gesellschaftliche Tabus und vor allem „eine wahnsinnige Angst vor dem Rest der Welt“. Das alles habe sich in den letzten vier Jahren immer weiter verschlechtert – „für mich unerträglich“. In Europa sieht Kinski eine Art Gegenpol zu dieser Entwicklung. Speziell in Kreuzberg, wo der Schauspieler seit anderthalb Jahren lebt, entdecke er „die Offenheit der Menschen an jeder Straßenecke“. Auch sonst weiß er bisher nur Gutes über Deutschland zu berichten. Da passt es wunderbar, dass er Mitte November in einer Fernsehproduktion zu sehen sein wird, wie sie deutscher kaum sein könnte: in einer Folge der Krimi-Serie Tatort.

Nikolai Kinski und Mieze treten heute im Rahmen der Reihe „Audiothek live 2005“ um 20 Uhr im Postbahnhof in der Straße der Pariser Kommune 3 auf. Morgen dann Thomas D. und André Eisermann, am Sonnabend Ben Becker.

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