Berlin : Nichts wie weg!

Die Möglichkeiten, nach dem Abi ins Ausland zu gehen, sind heute riesengroß

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Von Juliane von Mittelstaedt

„Nach dem Abi erst mal raus, ab in die Ferne. Endlich das machen, wozu ich Lust habe." Das hat die 19-jährige Annkathrin ins Abi-Heft geschrieben. Andere schreiben: „Verreisen", „Karriere machen", „studieren". Manche wollen alles zusammen. Doch die unangetastete Nummer Eins auf der Wunschliste ist und bleibt: Bloß weg! Am besten so weit wie möglich. Doch die neue, große Freiheit kann sehr verwirrend sein: Wohin? Was kann ich machen? Verreisen, arbeiten oder lieber doch gleich studieren? Zeit lassen oder keine Zeit verlieren?

Für Abiturienten, die einen längeren Aufenthalt im Ausland planen, ist das Angebot unendlich – vor allem unendlich unübersichtlich. Vom Freiwilligendienst in Togo über Jobben in Disneyland oder Babysitten in Frankreich ist alles dabei. Junge Männer können ihren Zivildienst in einem israelischen Pflegeheim oder einem russischen Waisenhaus leisten. Ein Freiwilliges Ökologisches Jahr (FÖJ) im ecuadorianischen Regenwald oder im kanadischen Nationalpark ist schon fast nichts Besonderes mehr.

Geboten wird für jeden Geschmack (fast) alles – doch zu welchem Zeitpunkt ist ein Auslandsaufenthalt sinnvoll, worauf sollte man achten und für wen ist er besonders wichtig? Ein Auslandsaufenthalt ist immer gut, soziales Engagement sowieso – das stimmt zwar grundsätzlich, ist jedoch später nicht automatisch ein Pluspunkt in der Bewerbung. Bei der Deutschen Bank begrüßt man Auslandsaufenthalte zwar als „sehr wertvoll und immer willkommen", da Sprachkenntnisse, Mobilität und die Fähigkeit, sich in der Fremde zurechtzufinden, geschätzte Attribute sind. Von einem Jahr „einfach nur im Ausland" rät man dort jedoch ab. Statt diese Zeit zu verschenken, sollte der Abiturient den Aufenthalt lieber mit einem berufsbezogenen Praktikum verbinden.

Wen es direkt von der Schule an die Universität zieht, dem stehen später noch viele Möglichkeiten offen, um ins Ausland zu gehen. Hilfe bieten hierbei die Akademischen Auslandsämter der einzelnen Hochschulen sowie der Deutsche Akademische Austauschdienst (DAAD), der Studierende und Praktikanten mit Stipendien fördert. Das Erasmus-Programm vergibt Studienplätze innerhalb Europas. Dazu kommen noch zahlreiche Direktaustausche von Partnerhochschulen und Stipendien zahlreicher Stiftungen.

Am besten sollte der Auslandsaufenthalt im Hauptstudium erfolgen. Davor ist er fachlich wenig sinnvoll, zu spät gewählt, kollidiert er mit der Diplom- oder Examensvorbereitung. Auch im Studium gibt es also noch gute Chancen, ein oder zwei Semester in Madrid, Oxford oder Bergen zu verbringen.

Ebenso wie Auslandserfahrung bewerten die Unternehmen soziales Engagement sehr positiv, sowohl im Ausland wie im Inland. Bei langer Studiendauer wird jedoch beides eher zum Minusfaktor. Auch den sozialsten und welterfahrensten Absolventen wird kein Personalchef mit Handkuss nehmen, wenn er schon 35 Jahre alt ist. Wichtig ist daher vor allem: Sich nicht verzetteln.

Wer weiß, was er im Ausland will, sollte sich jedoch nicht von Karriereberatern davon abbringen lassen. Wer ohnehin auf einen Studien- oder Ausbildungsplatz wartet, der kann erwägen, die Zeit für einen Abstecher zu nutzen, eventuell einen Sprachkurs machen oder eben ein Praktikum, Geld verdienen oder ehrenamtlich helfen.

So vermittelt die Zentralstelle für Arbeitsvermittlung (ZAV) beispielsweise Jobs im Ausland, die Kooperationspartner reichen von amerikanischen Wirtschafts- und Touristikunternehmen bis hin zu finnischen Erdbeerbauern. Für Australien und Neuseeland gibt es ein bis zu zwölfmonatiges „Work & Travel"-Programm. Das Angebot wendet sich an Studierende und Abiturienten sowie an alle jungen Leute, die an kurzfristigen Sommerjobs, aber auch längerer Arbeit im Ausland interessiert sind.

Gemeinnützige Vereine wie Aktion Sühnezeichen, das Kolpingwerk, der Arbeitskreis Lernen und Helfen in Übersee e.V. oder der Europäische Freiwilligendienst bieten Abiturienten die Chance, ein freiwilliges soziales Jahr im Ausland zu verbringen oder sich für mehrere Wochen oder Monate in einem Entwicklungsprojekt zu engagieren. Die große Freiheit ist heute für junge Menschen also durchaus real, man muss sie nur richtig nutzen, damit aus dem Fernweh kein Katzenjammer wird.

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