Berlin : Nikolassee: Kaltwellen und Kalauer

Brigitte Grunert

Er ist kein Udo Walz, sondern ein Figaro in der Idylle zwischen Rehwiese und Schlachtensee, aber doch ein beinahe stadtbekannter. Jörg Tönnies muss Taxifahrern nicht lange erklären, wo in Nikolassee sein Geschäft zu finden ist. Sie wissen schon: "Das ist doch die Ecke mit den heißen Sprüchen." Er strahlt, wenn er erzählt, dass ihn "wildfremde Leute" auf seine lustige Plakatreklame am Holzzaun des Vorgärtchens ansprechen. Im Moment lockt er mit "Mailöckchen".

Der Friseurmeister mit dem Sinn fürs Komische braucht keine Werbeagentur. Er hat selber Einfälle und pinselt sie eigenhändig Schwarz auf Weiß. Mit seinen Wortspielereien hält er sich an die Jahreszeiten oder an Ereignisse. Letzten Sommer prapagierte er "coole Hitzköpfe". Vor Weihnachten las man: "Santa Kraus" und "Schneeflöckchen, Weißlöckchen". Anfang April wünschte er allseits "Frohe Osterlocken". Auch den Bundestagswahlkampf 1998 vermarktete er auf seine Weise. Sibyllinisch sagte er "Haarige Zeiten" voraus und riet: "Wählt neue Schnitte." Alles ahnte den Wechsel, alles schmunzelte, niemand fühlte sich beschwert. Er charmierte auch schon mit einer "Hair-Mail für Dich." Selbst seine Warnung "Haarscharfe Kurve" reizte die Lachmuskeln. Die Ecke Am Schlachtensee/Spanische Allee, an der sein Geschäft liegt, hat es wirklich in sich.

Nur die "Schnittstelle" hätte ihm nicht einfallen sollen. Das Wort störte einen Kollegen weit weg von Nikolassee, der es im Logo hat. Dessen Anwalt hielt wegen "Markenrechtsverletzung" die Hand auf. Das fuchste den verdutzten Herrn Tönnies. Seine Anwältin handelte zwar die Forderung von 2300 Mark kräftig herunter, aber zusammen mit ihrem Honorar kostete ihn der Ärger mit der Konkurrenz sogar 2500 Mark "Lehrgeld".

Doch eine Frohnatur wie er grollt nicht lange. Hauptsache, der Laden läuft. Mitte der neunziger Jahre lief er nicht. Das Geschäft war durch eine weiträumige Straßenbaustelle abgeklemmt, nur noch auf Umwegen erreichbar und kein Parkplatz zu finden. Die Kundschaft blieb weg. "Im Nu stand ich hoch in der Kreide und konnte mir den Tag der Pleite ausrechnen", erzählt er lachend. Damals war ihm gar nicht nach Komik zu Mute. Er wusste nur: Von nichts kommt nichts. So kam er in seiner Not auf die Idee mit den Kalauern. Der Ulk half ihm über den Berg; obendrein fand er Vergnügen daran. Rastlos ist er seither dem Geschäft zuliebe, das er seit 1986 an dieser Stelle betreibt, auf immer Neues bedacht. Der Mann, der vor 51 Jahren in Neukölln in die Branche hinein geboren wurde - Vater Friseur -, möchte kein zweites Mal spüren, wie ihm der Boden des goldenen Handwerks unter den Füßen schwankt. Daher kommt es wohl, dass er Geschäft und Liebhaberei gar nicht mehr trennt. Er ist Hobby-Fotograf, also zeigt er seine Fotos in wechselnden Ausstellungen im Laden. Den Kunden gefällt es, wenn sie mit dem Nacken im Waschbecken auf eine unterhaltsame Wand gucken. Das ist auf entspannende Weise anregend und gibt Gesprächsstoff. Neuerdings inseriert er gar kühn "Galerie Coiffeur". So versprüht er seine erheiternde Duftnote. Die Investion in gute Laune zahlt sich gewiss aus. Von nichts kommt eben nichts.

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