Berlin : Nikolaus Dathe, geb. 1954

T. Hampel / F. Schanninger

Als die Computer kamen, war Nikolaus Dathe längst kein Blei-Setzer mehr, da hatte er schon seit Jahren ein Skalpell. Da hatte er die große technische Revolution in seinem Berufsleben längst heil überstanden und vielleicht schon vergessen, dass er damals, früher, vor fünfzehn Jahren, Angst vor ihr hatte. Davor, dass es nun keine Verwendung mehr für einen Schriftsetzer wie ihn geben würde. Aber es ist gut gegangen, er hat dann eben keine Lettern aus Blei mehr zu Zeitungszeilen zusammengefügt, sondern die neumodischen Filmfolien-Druckvorlagen zurechtgeschnitten. Immer am Stahllineal entlang das Skalpell bei den kleinen Meldungen, damit die Kanten schön gerade werden. Und für große Artikel hatte er eine Schneidemaschine mit einem Hebel dran, so wie sie Fotografen benutzen. Vor zehn Jahren kam dann eben der Computer.

Er hatte jedes Mal, wenn etwas Neues erfunden wurde, Angst davor, arbeitslos zu werden. In den achtziger Jahren war er es auch ein paar Mal. So erzählt es sein Freund, einer der wenigen, die Dathe gekannt haben. Die beiden waren einmal Nachbarn. Hallo, ich bin der Neue von nebenan, darf ich mich vorstellen, so haben sie sich vor zwanzig Jahren in einem Berliner Treppenhaus kennen gelernt und sind Freunde geblieben. Verwandte hatte Nikolaus Dathe zum Schluss keine mehr. Und auch die neue Nachbarin ist schon lange tot. Der Freund sagt, Nikolaus Dathe sei ein anregender Gesprächspartner gewesen und ein verschlossener Mensch.

Nikolaus Dathe hat bei dieser Zeitung gearbeitet, dem Tagesspiegel. Den Lokalteil mochte er nicht, hier saß er in einem Riesenbüro immer mitten unter denen, die die Artikel schrieben, die ihm sagten, wo welche Texte hinkämen, und wie lang sie werden sollen. Er musste das dann übersetzen in die Computersprache und Befehle eintippen, das war seine Arbeit seit 1991. Den Beruf nannten sie hier Layouter, der Layouter macht den Umbruch. Das ist auch eine Geheimsprache, und die Worte bedeuten, dass es einen geben muss, der sich darum kümmert, dass alles in die Zeitung passt. Derweil die anderen in der Lokalredaktion um ihn herum, die Schreiber, telefonieren und lachen und fluchen. Es ist laut hier.

Auch in der Nachrichtenabteilung ist es so, aber oben im vierten Stock, da wo der Sport und die Kultur und die Wirtschaft gemacht werden, da gab es ein eigenes Zimmer für Dathe und seine Kollegen, hier sind sie unter sich. Das muss ihm gefallen haben. Und dass mittags immer die Kulturleute vorbeikamen, um Nikolaus Dathe ihre Seitenentwürfe zu zeigen. Mit denen konnte er gut reden über Musik und Bilder. Über seine Lieblingsmaler Francis Bacon und Max Beckmann und George Grosz. Dass Dathe selber malte, das wussten sie nicht.

Er war stolz, sagt der Freund, ein Jünger Gutenbergs zu sein. So sagt das der Freund, und das ist ja ein ehrbares Handwerk mit großer Tradition. Nikolaus Dathe fand aber noch viel besser, dass die Drucker schon immer selbstbewusste Leute waren, eine starke Gewerkschaft haben und auch heute noch guten Lohn bekommen. Die hätten sich was getraut, und er war einer davon.

Zur Bundeswehr wollte er nicht, deshalb kam er nach Berlin. Ausgelernt hatte er, er fing an als Geselle, irgendwann kam er zur Tagesspiegel-Druckerei und ging wieder weg. Im Mai 1986 war er wieder da. Seine Layout-Kollegen erzählen von gemeinsamen Urlaubsreisen, nach Irland, in die Pubs. Und davon, dass Dathe sie immer beeindruckt hat mit seinem Wissen. Wann starb Tutenchamun? Wann stand Hannibal vor Rom? Nikolaus Dathe wusste es.

Sie erzählen auch von den Schicksalsschlägen die er nicht überwunden hat. Mitte der neunziger Jahre brachte seine Lebensgefährtin sich um. Nikolaus Dathe wurde noch leiser. Nach Feierabend auf ein Bier hielt es ihn nicht lange. "Ich muss nach Hause, mein Hund muss noch runter." Ja, seinen Hund, den liebte er. Das Beste aus der Fleischerei war gerade gut genug. Für Nikolaus eine Wurst, für den Hund Schabefleisch.

Vor vier Jahren der zweite Schlag. Seine Mutter starb. Er brauchte lange, um das zu verarbeiten. Nach und nach kam wieder Lebensfreude bei ihm auf. Er war fast wieder der Alte, und sein Bier schmeckte ihm wieder.

Einen Arzt hat er selten gesehen, doch dann Schmerzen, die immer größer wurden. Ist vielleicht doch nichts Schlimmes, also doch mal zum Doktor. Der sagt ihm, dass er Krebs hat. Aber keine Spur von Aufgeben. Wir werden noch mal rausfahren zum Wasser, sagt er zu den Kollegen, wir werden Boot fahren und Hechte angeln. Es kam nicht mehr dazu.

Der einstige Nachbar, der Freund, hat eine Pappschachtel im Keller, voll mit Dathes Bildern. Ganz oben, auf einem Stapel mit düsterschwarzen Weltuntergangsgemälden, liegt ein Selbstporträt. Das Ende vom Lied, so heißt es. Nikolaus Dathe, gelbes Hemd, sitzt am Tisch, vor ihm vier leergetrunkene Bierflaschen, und die Zigarette im Ascher, die verglimmt. Das Bild ist 25 Jahre alt. Die Schachtel hat er von der Arbeit mitgebracht. Früher waren da Druckplatten drin.

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