Nord-Neukölln : Versöhnung im Kiez der Zuzügler

24.12.2011 00:00 UhrVon Barbara Schneider

Nord-Neukölln verändert sich. Die Martin-Luther-Gemeinde profitiert davon und will Kirche für alle sein.

Der Kiez kommt in die Kirche

Schon in den 70er Jahren wurde das Gemeindezentrum zu einem Multifunktionshaus mit vielen Gruppenräumen umgebaut. „Hier darf sich jeder einbringen“, sagt der 59-jährige Norbert Busse. Der Anwalt organisiert in der Gemeinde jeden Montag einen Kulturabend. Die 83-jährige Ruth Werner kocht seit 13 Jahren einmal in der Woche im Gemeinde-Café. Dann bindet sich die frühere Wurstverkäuferin eine weiße Schürze um und balanciert ihre Gerichte durch den Raum: Meist sind die Tische in dem kleinem Café bis auf den letzten Platz belegt.

Die Mitglieder der Martin-Luther-Kirche, mitten im sozialen Brennpunkt-Kiez, der von Armut und hoher Kriminalität geprägt ist, haben in den vergangenen Jahren viel Kreativität entwickelt, um Geld für ihre Gemeinde zu verdienen. Sie kochen Marmeladen ein oder vermieten Gemeinderäume, etwa an die Weight Watchers. Rund 120 000 Euro für Sachkosten erwirtschaftet die Gemeinde im Jahr selbst. Im Gottesdienstraum zeigt Pfarrer Spanknebel die Gedenktafeln für Verstorbene, die in den Boden eingelassen sind. Zwischen 750 und 900 Euro kostet eine Tafel, der Erlös kommt der Gemeinde zugute.

Die Kirche, die von morgens bis abends geöffnet ist, bietet einen Ruheraum im pulsierenden Leben auf der Straße. Überall im Gemeindehaus und auch im Gottesdienstraum hängen Kunstwerke: großflächige zeitgenössische Gemälde, die zum Meditieren einladen. Werktags springen, laufen und trödeln hier aber auch 20 Kinder mit ihren Eltern ein und aus, um in die Kita im ersten Stock des Hauses zu gelangen.

So kommt der Kiez in die Kirche – und auch die Veränderungen der Gegend. Der Reuterkiez, in dem die Kirche liegt, wird von Stadtforschern als „Aufwertungsgebiet“ beurteilt. Was so viel heißt wie: Die Arbeitslosigkeit hat hier stärker abgenommen als im übrigen Neukölln, die Kinderarmut geht zurück. Immer mehr junge Menschen mit höheren Einkommen ziehen in die Gegend, beobachtet auch Pfarrer Spanknebel.

Der Zuzug von jungen Familien bringe neuen Schwung in die Gemeinde, sagt der Pfarrer. Das macht sich auch an der regen Beteiligung beim Krippenspiel bemerkbar. Schon seit sechs Wochen proben die Kinder. Isabelle ist im vierten Jahr dabei – dreimal als Hirte, jetzt in der Hauptrolle. Die Veränderung im Kiez sei nicht für alle Gemeindemitglieder positiv. „Die Mietpreise steigen, für manchen eingesessenen Nachbarn wird das zum Problem“, sagt Pfarrer Spanknebel. Auch das ist eine Herausforderung für die Gemeinde.

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