Notaufnahmen in Berlin : Herz, Ärzte und Versagen

Aymeric zieht nach Berlin für ein Praktikum. 48 Stunden später ist er tot, gestorben an einer Herzmuskelentzündung, obwohl er hier noch zwei Rettungsstellen und einen Arzt aufsuchte. Wie konnte das passieren? Eine Rekonstruktion.

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Rettung ist nah. Doch viele Rettungsstellen in Berlin sind überfüllt - dann passieren Fehler, die vermieden werden könnten.
Rettung ist nah. Doch viele Rettungsstellen in Berlin sind überfüllt - dann passieren Fehler, die vermieden werden könnten.dpa

Bevor Aymeric am 17. Februar 2013 in sein neues Leben aufbricht, geht er in den Weinkeller seiner Eltern und steckt eine Flasche ein. Es ist ein französischer Rotwein, Jahrgang 2007. Aymeric, der Hamburger, hat in Berlin gerade eine Wohngemeinschaft gefunden, zum Einstand will er mit seinen drei Mitbewohnern anstoßen, auf die WG, auf eine neue Zeit, auf Berlin. Doch dazu kommt es nicht. Rund 48 Stunden nach seiner Ankunft in Berlin ist Aymeric tot.

Aymeric wurde 25 Jahre alt. Auf die Welt kommt er am 21. Oktober 1987 in Rio de Janeiro, als zweiter von vier Söhnen. Sein Vater ist Reeder, seine Mutter Französin, er wächst in Hamburg auf. Dort, in einer Gründerzeitvilla in Harvestehude sitzen die Eltern an einem sonnigen Morgen mehr als ein Jahr nach seinem Tod. Zwischen ihnen auf dem Sofa ist so viel Platz, als hielten sie ihn frei für jemanden, dessen Rückkehr sie jeden Augenblick erwarten. Das Bild über ihnen ist schreiend rot, ihr Schmerz ist still.

„Er konnte beeindrucken“, sagt der Vater.

„Er konnte berühren“, sagt die Mutter.

„Er hatte Kampfgeist“, sagt er.

„Er hatte Persönlichkeit“, sagt sie.

„Zum Glück ist es schnell gegangen“, sagt er. Sie schüttelt den Kopf. „Ein paar Minuten sind unendlich lang, wenn man weiß, dass man sterben muss. Es war eine furchtbare Qual.“

Die Geschichte eines Aufbruchs, der zugleich ein Ende war

Jedes Jahr ziehen fast 90.000 Menschen nach Berlin, fast die Hälfte von ihnen zwischen 20 und 30 Jahre alt. Sie kommen, weil sie zur Stadt passen und die Stadt zu ihnen. Beide sind im Werden und Wachsen begriffen, und für beide gilt: Was heute ist, kann morgen schon ganz anders sein. Aymeric war einer von ihnen. Seine Geschichte ist die eines Aufbruchs, der zugleich sein Ende war. Ihm blieben nur zwei Tage in Berlin, dann starb er. An einer Herzmuskelentzündung, wie die Obduktion ergab. Und das obwohl er einen niedergelassenen Arzt und zwei Rettungsstellen aufgesucht hatte. Rekonstruiert man die letzten 48 Stunden seines Lebens, erfährt man einiges über die Schattenseiten Berlins und die Tücken der Notfallversorgung in einer Großstadt.

„Es hätte doch nur eine Blutentnahme, ein EKG gebraucht“, sagt Aymerics Vater, und dieses Mal nickt die Mutter und sagt: „Vielleicht würde er dann heute noch leben.“

Aymeric hat Internationales Management studiert, zwei Jahre in Marseille, zwei Jahre in Bremen, zum Abschluss fehlt ihm noch ein sechsmonatiges Praktikum, er will es in Berlin machen, bei einem Internet-Start-up. Am 18. Februar soll es losgehen, über Freunde und Facebook findet er ein Zimmer, die letzten Tage vor dem Praktikumsbeginn verbringt er in Hamburg. Am Freitag isst er mit seiner Familie, am Samstag geht er mit Freunden aus, Reeperbahn, der vertraute Klüngel, es wird eine lange Nacht. Am Sonntag geht er zu einem Freund, sie matten vor sich hin und schauen einen dieser Filme, an deren Titel man sich danach nicht mehr erinnern kann. „Ich bin so fertig, ich habe überhaupt keine Lust loszufahren“, sagt Aymeric, geht dann aber doch nach Hause, packt seinen Rucksack, verabschiedet sich von seiner Mutter und steigt um 19.06 Uhr in den ICE 893. Ankunft in Berlin: 20.48 Uhr.

Rückenschmerzen? Wahrscheinlich zu viel am Schreibtisch gesessen

Sein Freund sagt, er habe Aymerics Erschöpfung nicht so ernst genommen, erledigt von der Nacht zuvor seien sie alle gewesen. Erst später sei ihm klar geworden, dass Aymerics Müdigkeit ein Anzeichen seiner Herzmuskelentzündung gewesen sei. Die Krankheit wird meist durch Viren ausgelöst und ist tückisch, weil ihre Symptome schwer zu deuten sind. Oft klagen die Betroffenen anfangs über ein Gefühl der Schwäche, die Herzschmerzen können bis in den Rücken und die Arme ausstrahlen. Aymeric war ohnehin angeschlagen: 2011 hatte man bei ihm Asthma festgestellt, 2012 hatte er Keuchhusten und verlor sechs Kilo an Gewicht. 2013 soll alles anders werden. Er fühlt sich besser, er geht nach Berlin, doch kaum hat er Anfang Februar seine Möbel dorthin geschafft, fangen die Rückenschmerzen an. Wahrscheinlich zu viel am Schreibtisch gesessen, denkt er und macht einen Termin bei einem Orthopäden in Hamburg, der ihm eine Spritze gibt und ein „funktionelles Thorakalsyndrom nach Überlastungssituation“ diagnostiziert. Am Samstag vor seiner Abreise geht Aymeric, der wieder fit werden will, im Hamburger Innocentiapark joggen. Der Freund, der dabei war, sagt, Aymeric habe schon bald eine Pause machen müssen.

Türkei, 2011. Dass Aymeric knapp zwei Jahre später starb, lasten die Eltern Berliner Krankenhäusern an, vor allem der Charité.
Türkei, 2011. Dass Aymeric knapp zwei Jahre später starb, lasten die Eltern Berliner Krankenhäusern an, vor allem der Charité.Foto: privat

Aymeric, so sagt es sein Freund, war gern ein wenig anders als der Rest. So liebte er es, unter Hamburger Freunden den Franzosen zu geben. Er weigerte sich dann, Bier zu trinken, und sagte, das sei nur was für Germanen. Und er sprach davon, eines Tages in sein Geburtsland Brasilien zurückzukehren. Doch zunächst zieht er 256 Kilometer südostwärts, auch das eine ganz andere Welt. Anfang Februar, als er schon mal seine Möbel von Hamburg nach Berlin bringt, fährt er abends zum Berghain, kommt nicht rein und verbringt dafür die halbe Nacht in einem anderen Club, der Wilden Renate. Seine Wohngemeinschaft ist in Kreuzberg, nahe Curry 36, der stadtbekannten Imbissbude, direkt unterm Dach. Die Fenster seines Zimmers zeigen auf Hinterhöfe. Seine persönlichen Sachen wie den Laptop mit der Musik haben die Eltern nach seinem Tod abgeholt, sie hören nun oft Aymerics Lieblingsmusik, zum Beispiel Paul Kalkbrenners „Sky and Sand“ vom Album „Berlin Calling“. Aymerics Möbel – ein schwarzer Schreibtisch, ein Holzbett, ein Schrank von Ikea – blieben in Kreuzberg. Sein Mitbewohner Max weiß noch, wie Aymeric versuchte, den Schrank aufzubauen. Ein Brett lag auf ihm, ein anderes lehnte an ihm. „Brauchst du Hilfe?“, fragte Max. „Danke, ich kriege das schon hin“, sagte es unter den Brettern heraus. Max half trotzdem. Ein bisschen redeten sie. Über die digitale Welt und die Chancen, die sich da bieten. Als Freunde von Max kamen, sagte Aymeric nur noch wenig. Er habe, sagt Max, wahnsinnig nett und schüchtern gewirkt, wie einer, der Zeit brauche, um aufzutauen. Heute wohnt ein Amerikaner in Aymerics Zimmer. Wem die Möbel gehört haben, hat Max ihm lieber nicht erzählt.

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