Notfallrettung : Wenn Minuten zählen

Mit Defibrillatoren könnten auch Laien Leben retten. In vielen Fliegern gibt es sie, auf Bahnhöfen selten.

Stephanie Kirchner

„Ist ein Arzt an Bord?“ SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach befand sich gerade auf einem Flug nach Lissabon, als die Durchsage ertönte. Ein Mann hatte einen epileptischen Anfall erlitten. Gemeinsam mit dem Berliner Arzt Reinhard Gebler versuchte der Politiker zu helfen, gab jedoch bald auf: offenbar fehlte es an den grundlegendsten ärztlichen Instrumenten. „Es erschien uns einfach zu riskant, das durchzuziehen“, sagte Lauterbach dem Tagesspiegel. Die Easyjet-Maschine musste in Paris-Orly landen, wo der Mann behandelt werden konnte.

Easyjet-Sprecher Oliver Aust weist die Vorwürfe zurück: „Wir haben die von den Behörden vorgeschriebene Ausrüstung an Bord.“ Bei innereuropäischen Flügen könne man im Notfall ja relativ schnell landen.

Das reicht im Zweifel allerdings nicht aus. So zählt bei plötzlichem Herz- und Kreislaufversagen jede Minute. Das ist auch die Todesursache bei drei Viertel der 2500 Menschen, die jährlich weltweit während eines Fluges sterben. Einige Fluglinien, wie Air Berlin und Lufthansa, haben deshalb – im Gegensatz zu Easyjet – ihre medizinische Ausrüstung um Defibrillatoren ergänzt.

Diese Geräte sorgen durch gezielte Stromstöße dafür, dass die in einem solchen Fall auftretende Störung des Herzrhythmus gestoppt wird. Denn hat das Herz eines Menschen einmal versagt, sinkt die Überlebenswahrscheinlichkeit pro Minute um 10 Prozent und bereits nach wenigen Minuten können irreparable Hirnschäden auftreten.

Dietrich Andresen, Kardiologe und Direktor der Klinik für Innere Medizin des Vivantes-Klinikums Am Urban, fordert deshalb, die Defibrillatoren in Flugzeugen und anderen, für Krankenwagen nicht schnell genug zu erreichenden Orten zugänglich zu machen. Im Rahmen einer letztes Jahr publizierten Studie, verteilte Andresen 40 sogenannte Automatische Externe Defibrillatoren (AEDs), wegen ihrer relativ einfachen Handhabung auch Laiendefibrillatoren genannt, in verschiedenen Berliner Gebäuden. Bisher verfügen vier U-Bahnhöfe, einige Bezirksämter, das KaDeWe und sogar der Zoologische Garten über AEDs.

Von der SPD-Fraktion in Lichtenberg liegt ein Antrag vor, die Laiendefibrillatoren, die bereits ab 600 Euro erhältlich sind, auf möglichst vielen S- und U-Bahnhöfen zugänglich zu machen. Die Senatsverwaltung prüft derzeit die Möglichkeit, die Geräte als Teil der für 2012 geplanten neuen Notrufsäulen zu installieren.

In München befinden sich bereits 48 Laiendefibrillatoren an 38 Bahnhöfen. Sie sind mit einer Sprachsteuerung ausgestattet, die auch einen ungeübten Helfer Schritt für Schritt durch den Reanimationsvorgang führt. Seit dem Start des Projekts vor achteinhalb Jahren, hat die Münchner Stadtverwaltung 16 Reanimierungsfälle registriert. Zehn der Betroffenen überlebten ohne Hirnschäden.

Dietrich Andresen hält eine flächendeckende Bereitstellung von AEDs in Berlin jedoch nicht für sinnvoll und weist darauf hin, dass die Defibrillatoren „in den Händen von Ungeübten nicht zwangsläufig eine Hilfe sind“. Planungen vonseiten der Berliner Verkehrsbetriebe, weitere S- und U-Bahnhöfe mit AEDs auszustatten, gibt es nach Aussage von BVG-Sprecherin Petra Reetz nicht. Begründung: „Profis sind schneller“.

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