NS-Vergangenheit des KFMV : Vorsitzende "hatten Schlimmeres befürchtet“

Auf 74 Seiten untersuchte der Historiker Bernd Sösemann die Geschichte des Kaiser Friedrich Museumsverein. Die heutigen Vereinsvorsitzenden nehmen in einem Interview Stellung.

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Stimmen unsere Erzählungen? Gernot Moegelin und Tessen von Heydebreck ließen nachforschen.
Stimmen unsere Erzählungen? Gernot Moegelin und Tessen von Heydebreck ließen nachforschen.Foto: Mike Wolff

Was war der Anlass dafür, dass Sie die auf unserer Mehr-Berlin-Seite vorgestellte Studie beauftragt haben?

VON HEYDEBRECK: Für mich war Ausgangspunkt die Beschäftigung mit James Simon. Bei der Gründung der James-Simon-Stiftung stellten wir 2006 fest, dass in Berlin niemand mehr recht wusste, wie viel die Stadt diesem Mann verdankt, der zu den Gründungsmitgliedern auch unseres Fördervereins gehörte.

MOEGELIN: Wir wollten wissen, ob die Erzählungen stimmen, die wir bisher von unseren Vorgängern übernommen haben, wie sich der Verein tatsächlich in der NS-Zeit verhalten hat.

Waren Sie überrascht vom Ergebnis?

V.H.: Auch wenn das Ergebnis wenig schmeichelhaft ist: Ich hatte Schlimmeres befürchtet. Für uns war wichtig, dass die Wahrheit ans Licht kommt, soweit sie erforschbar ist. Auch nach Abschluss des Gutachtens bleibt vieles offen. Das Gefundene mögen zunächst andere bewerten. Über Menschen im Nachhinein zu urteilen, die sich nach jetzigen Erkenntnissen opportunistisch verhalten haben, bleibt schwierig.

Die Studie beschäftigt sich vor allem mit der Mitgliederentwicklung. Wollen Sie auch die Aktivitäten des Vereins zwischen 1933 und 1945 näher untersuchen lassen?
V.H.: Man versuchte, nicht mit den Hunden zu heulen und sich über die Runden zu retten. Zur „befreienden Selbstauflösung“, die Bernd Sösemann als Alternative nennt, waren unsere Vorgänger nicht bereit. Vor allem aus dem Grund, den Kunstbesitz des Vereins zu sichern. Als einer von wenigen Fördervereinen behält der KFMV das Eigentum an von ihm erworbenen Werken, stellt sie nur als Dauerleihgaben den Museen zur Verfügung.

"Über Menschen im Nachhinein zu urteilen, bleibt schwierig." Tessen von Heydebreck ist KFMV-Vorsitzender.
"Über Menschen im Nachhinein zu urteilen, bleibt schwierig." Tessen von Heydebreck ist KFMV-Vorsitzender.Foto: Mike Wolff

M.: Eine erzwungene Aktivität bestand darin, dass der Verein irgendwann die sogenannte Judenfreiheit erklären musste. Aber die Listen wurden nicht mehr richtig geführt – eine offensichtlich absichtliche Schlamperei.

V.H.: Wir wissen leider zu wenig von Nachfahren unserer früheren Mitglieder. Diese Nachforschung ist bisher unterblieben. Das wollen wir in Zukunft aufnehmen. Vielleicht kommt es dabei zu neuen Begegnungen. Es täte dem Verein gut, wenn wir aus den alten Gründerfamilien wieder Mitglieder unter uns hätten. Nicht aus materiellen Gründen, sondern weil sie unseren Verein geprägt haben. Entscheidende Kunstwerke, die wir besitzen, verdanken wir ihrer Großzügigkeit.

Bernd Sösemann kommt bei seiner Einschätzung der Nachkriegszeit zu dem Schluss, der Verein hätte seine Mitglieder ein zweites Mal verraten, als der Passus, dass man sich der Vergangenheit annehmen wolle, nicht den Weg vom Entwurf in die neue Satzung fand. Holen Sie also die Versäumnisse von damals nach?

V.H.: Wir wissen auch aus unseren eigenen Familien, die das Grauen von Nazizeit und Krieg hinter sich gebracht hatten, von einer Schlussstrich-Mentalität. Das Motto hieß: Packt an, baut auf! Bei unserem Verein galt in den ersten Jahren die ganze Anstrengung der Sicherung der eigenen Bilder. Es galt zu verhindern, dass die nach Hessen ausgelagerte Kunst endgültig dort verblieb. Aus heutiger Sicht müssen wir konstatieren, dass sich der Verein schon damals mit der eigenen Vergangenheit hätte beschäftigen sollen.

"Wir werden Kontakt zur jüdischen Gemeinde aufnehmen." KFMV-Vize Gernot Moegelin war treibende Kraft bei der Erforschung.
"Wir werden Kontakt zur jüdischen Gemeinde aufnehmen." KFMV-Vize Gernot Moegelin war treibende Kraft bei der Erforschung.Foto: Mike Wolff

Welche Schlüsse ziehen Sie aus der Studie?

V.H.: Auch ein dem politischen Geschehen scheinbar ferner Museumsförderverein darf nicht ignorieren, was rundum geschieht. Einfach nur wegducken, das würde mit mir heute nicht geschehen.

M.: Wir werden Kontakt mit der jüdischen Gemeinde aufnehmen, um dieser unsere Studie vorzustellen. Vielleicht werden sich dann wieder einige für unseren Verein interessieren.

V.H.: Und wir wollen an unsere Mitglieder erinnern, die unter dem Naziregime in besonderer Weise gelitten haben. Wir überlegen zudem die Begebung eines Preises, der den Namen des langjährigen Schriftleiters Bruno Güterbock würdigt, der sich in jenen Jahren mutig verhielt.

Das Gespräch führte Nicola Kuhn. Das Interview erschien zunächst am 3. Dezember gedruckt in unserer Samstagsbeilage Mehr Berlin.

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