Berlin : Nur keine Miss-Verständnisse

Drei verfeindete Organisationen wollen die schönste Berlinerin küren. Am selben Tag – und am selben Ort

Sebastian Leber

Schneewittchens Stiefmutter kann froh sein, dass sie nicht in Berlin wohnt. Auf ihre Frage nach der Schönsten im ganzen Land bekäme sie sonst eine verwirrende Antwort: „Das kommt darauf an, welchen Wettbewerb du meinst.“

Gleich drei Schönheitswettbewerbe konkurrierender Veranstalter finden am Sonnabend in Berlin statt – und zwar alle in den Gropius-Passagen in Neukölln. Die Miss Germany Organisation (MGO), die Miss Germany Corporation (MGC) und Model of the World Germany führen dort nacheinander ihre Berliner Vorentscheide durch. Wenn auch nicht ganz freiwillig, wie Jens Kirbach, Center-Manager der Gropius-Passagen, zugibt. „Üblicherweise sind sich die Veranstalter doch spinnefeind.“ Um trotzdem alle drei an diesem Tag in sein Center zu holen, trickste Kirbach: Er hat den Veranstaltern einfach nichts von den jeweils anderen erzählt. „Wenn die das vorher gewusst hätten, hätten sie mit Sicherheit nicht zugesagt.“ Natürlich beansprucht jede Organisation für sich, den einzig wahren Wettbewerb mit den hübschesten Frauen auszutragen. „Wir sind der führende Anbieter von Miss-Wahlen in Deutschland“, glaubt etwa Jörg Schalk von der MGO. „Wir sind Marktführer“, widerspricht Jean Bork von der MGC. Und vor allem: „Wir sind das Original. Uns gibt es schon seit 1960.“

Die Qualität eines Schönheitswettbewerbs erkenne man daran, ob die Gewinner früherer Jahre anschließend Karriere gemacht hätten, sagt Jörg Schalk. Und hier habe seine MGO deutlich mehr zu bieten als alle anderen: Da wäre zum Beispiel Verona Pooth, die Miss Deutschland des Jahres 1993. Oder Katharina Kuhlmann, Siegerin des bayerischen Vorentscheids 2001, die inzwischen eine eigene Autosendung auf DSF moderiert. Das will Jean Bork von der MGC nicht auf sich sitzen lassen: „Bei uns war Jenny Elvers 1993 Miss Norddeutschland. Und Katrin Wrobel hatten wir auch.“ Die dürfte einigen bekannt sein, weil sie nach ihrer Teilnahme unter anderem bei der Fernsehsendung Glücksrad die Buchstaben umdrehte.

So leicht die Wettbewerbe für Außenstehende zu verwechseln sind – Experten kennen die feinen Unterschiede. Einerseits unterscheiden sich die Siegertitel: Die einen heißen „Miss Germany“, die anderen „Miss Deutschland“. Bisher jedenfalls, denn ab sofort will die MGO gleich vier Titel vergeben: Miss Universe, Miss International, Miss Intercontinental und Miss Earth. Wobei Miss Universe dann die Schönste sei, heißt es beim Veranstalter. Ein anderes Unterscheidungsmerkmal sind die Teilnahme-Voraussetzungen: Bei der MGC müssen die Starterinnen zwischen 16 und 26 Jahre alt und ledig sein. Und dürfen bisher keine Nacktaufnahmen gemacht haben: „Weil unsere Miss Germany später viele Termine mit dem Bundespräsidenten wahrnimmt. Das wäre doch unpassend, wenn es von ihr schon Bilder im Playboy-Archiv gäbe.“ Solche Überlegungen spielen bei den Veranstaltern von Model of the World keine Rolle. Hier werden „Frauen ab 1,71 Meter mit Laufstegerfahrung“ für spätere Modelkarrieren gesucht, und das Hautzeigen gehöre in der Branche nun einmal zum Alltag. Die Berliner Gewinnerin des Vorjahres etwa verdiene inzwischen als Unterwäsche- und Bikini-Model gutes Geld. Dass Kandidatinnen am Sonnabend nacheinander bei mehreren Wettbewerben auftreten, ist übrigens ausgeschlossen. Alle Frauen mussten vorher entsprechende Klauseln unterschreiben. Was aber nicht bedeute, dass sich die drei Veranstalter bekämpfen, sagt Jean Bork. Inzwischen gefalle ihr die Idee des Center-Managers Kirbach sogar ganz gut: „Da werden die Zuschauer sehen, wer das Original mit der größten Erfahrung ist.“

Die drei Miss-Wahlen finden morgen um 11, 13 und 17 Uhr in den Neuköllner Gropius-Passagen in der Johannisthaler Chaussee 317 statt. Der Eintritt ist frei. Es gibt kostenlos Essen und Getränke.

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