Obdachlosentour durch Berlin : Berlin-Mitte von unten

Wie erleben Obdachlose die City-Ost? Klaus Seilwinder weiß es. Er lebte selbst einst auf der Straße. Zusammen mit dem Historiker Harald Steinhausen zeigt er auf seiner Stadttour ein anderes Berlin, fernab von jeglichem Hype.

von
Klaus Seilwinder war bis 2011 obdachlos. Jetzt leitet er zusammen mit dem Historiker Harald Steinhausen die Tour.
Klaus Seilwinder war bis 2011 obdachlos. Jetzt leitet er zusammen mit dem Historiker Harald Steinhausen die Tour.Foto: dpa

Es sei schwer gewesen, sagt er, sich für diese Tour noch mal der Vergangenheit zu stellen, der er so glücklich entkommen ist. Dem Elend von acht Jahren Obdachlosigkeit. Von acht Jahren Rastlosigkeit, dauernder Angst, ob vor Entdeckung oder Überfällen, und auch von Scham angesichts der eigenen Lage.

Und trotzdem hat er mitgemacht, als sie ihn fragten, und darum sitzt Klaus Seilwinder jetzt vorn in einem klimatisierten Bus und erzählt leicht und anekdotenreich bei einer ungewöhnlichen Stadtführungstour von seinen schlimmen Jahren. Los geht es am Roten Rathaus, Richtung Westen. Da! Direkt am Mühlendamm die erste Sehenswürdigkeit: der Mülleimer an einer Bushaltestelle. Immer viele Pfandflaschen drin. Einer seiner Lieblingsmülleimer, sagt Seilwinder.

Wohnungsnot und Obdachlosigkeit

Neben ihm sitzt der Historiker und professionelle Stadtführer Harald Steinhausen, der mit zum Team gehört, das der soziale Träger Gebewo für diese „Bustouren durchs soziale Berlin“ – so der offizielle Titel, „Obdachlosentour“, der inoffizielle – zusammengestellt hat. Denn darum geht es: um Wohnungsnot und Obdachlosigkeit in Berlin. Damit will die Gebewo, die in diesem Jahr 20 Jahre alt wird, neue Aufmerksamkeit für ein Thema gewinnen, das sich angesichts allgemeinen Wohnungsmangels wieder verschlimmert. 12 000 Wohnungslose sind in Berlin registriert plus eine auf 800 bis 1200 Personen geschätzte Gruppe von Obdachlosen.

„Wieso sind da so viele Pfandflaschen drin?“, fragt Steinhausen. „Die sind von den Touristen, die sich mit dem Pfandsystem nicht auskennen und alles wegwerfen.“

"Weil ihnen sonst keiner zuhört"

Die erste Station ist ein kleiner Spielplatz hinter dem Auswärtigen Amt. Früher war hier alles Brache, mit dichten Hecken, in denen man etwas verstecken konnte, jetzt haben Stadtvillen klare Linien gezogen, Verstecken unmöglich. Und ein Versteckspiel ist die Obdachlosigkeit, das macht sie so anstrengend. Zu Fuß geht es weiter über den Hausvogteiplatz („Eine U-Bahnstation, in der es nicht zieht!“) zum Gendarmenmarkt: viele volle Mülleimer, keine Revierkämpfe unter Flaschensammlern, außerdem eine öffentliche Gratistoilette, in der er, Seilwinder, mindestens eine Katzenwäsche hinbekam.

Nur wer nicht auffällt, kommt ungehindert durch die Stadt

Nicht zu verwahrlosen sei wichtig, nur, wer nicht auffällt, kann sich ungehindert durch die Stadt bewegen. Das ist genau Steinhausens Thema: Wer kontrolliert den öffentlichen Raum? Beim Entwickeln der Obdachlosentour sei ihm eins immer wieder aufgefallen: wo überall Sicherheitsdienste patrouillierten – ob im Auftrag von Deutscher Bahn oder Kaufhäusern. Seilwinder nickt, erzählt von Ausweiskontrollen, von Verdrängung – manchmal sogar durch Weltgeschichte. Als im Mai 2002 der damalige US-Präsident George W. Bush nach Berlin kam, hatte Seilwinder sich gerade im Tiergarten eingerichtet. Doch das Lager wurde im Zuge der Sicherheitsvorkehrungen plattgemacht.

Über Spittelmarkt und Bahnhofsmission kam Seilwinder nach Schöneweide, wo er in einer Einrichtung der Gebewo einen Platz fand – und die Kraft für einen Alkoholentzug, denn das Trinken, auch das erzählt er, gehörte mit zu seinem Abstieg ins Elend. Dass er heute weit im Osten der Stadt wohnt, ist laut Steinhausen typisch: Obdachlosigkeit sei ein Problem, das in der Mitte auftrete, aber am Rand gelöst werde. So sei das schon um 1900 in Berlin gewesen, als im Zuge der Industrie- und Hauptstadtwerdung von innen nach außen verdrängt wurde. Auf der Tour geht es deshalb noch zu Unterkünften der Gebewo in Neukölln und in die Pankower Grabbeallee, wo der Träger vor 20 Jahren gegründet wurde und auch bestehen konnte. Zum Glück für Klaus Seilwinder.

Die nächste Tour findet am Freitag, den 25.04.2014, statt. Von Mai bis Oktober gibt es zwölf Touren mit Klaus Seilwinder und Harald Steinhausen. Preis: 9 Euro. Termine und Anmeldung unter www.gebewo.de

» Mehr lesen? Jetzt kostenfrei E-Paper testen!

14 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben