Berlin : Offene Gespräche unter Freunden

NAME

Von Elisabeth Binder

Neunzehn Stunden in einem fremden Land: Ein Präsident ist ja nie nur ein Funktionsträger, sondern auch ein Mensch, der trotz aller Briefings eben doch in ein ihm persönlich unbekanntes Land kommt, auch wenn er sich Deutschland wegen des Engagements seines Vaters für die Wiedervereinigung verbunden fühlen mag. Daran und an die Folgen für das Lebensgefühl und die Lebenssituation zu erinnern, kam Bundespräsident Johannes Rau zu, der sich mit dem amerikanischen Präsidenten so gut unterhielt, dass die beiden sich erst trennten, als ein strenger Protokollbeamter zum wiederholten Male auf die Uhr tippte. Vielleicht folgt George W. Bush ja der Einladung des Bundespräsidenten, bald wiederzukommen und sich ein ausführlicheres Bild von Deutschland zu machen.

Der erste Eindruck, wenn man ein Flugzeug verlässt, ist immer die Luft, die einen umfängt, feuchtwarm am Mittwoch, nicht wie Texas, aber doch wie Washington manchmal. Der Protokollchef des Auswärtigen Amts, Busso von Alvensleben, nahm den Präsidenten in Empfang. Seine gewinnende Ausstrahlung, die Fähigkeit, genau den richtigen, leichten Konversationston zu treffen, gehören zu seinen wichtigsten Handwerkszeugen, wenn es darum geht, Fremdheitsgefühle zu verscheuchen und einen angenehmen Grundton zu schaffen. Mit ihm ging es zum Hotel Adlon, wo seit Tagen die Sicherheit alles Fremde auslotete.

Die Präsidentensuite im fünften Stock eigens neu möbliert, die Kühlschränke auf Geheiß des Secret Service ausgetauscht, der Champagner aus dem Präsidentenzimmer verbannt, ebenso die Zigarren, die sonst für VIP-Gäste bereit stehen. Laura Bush, die mit Tochter Jenna aus Prag gekommen war, wohnte wie ihr Mann im fünften Stock. Was das Essen betrifft, hatte Bush nicht nur seinen eigenen Koch mitgebracht, sondern auch seine eigenen Lebensmittel. Nur das Frühstück durfte die Adlon-Küche liefern: Bananen, Beeren, fettarme Milch. Zwei arabischen Putzfrauen, die vor einiger Zeit eine Demonstration besucht hatten, bescherten die Sicherheitsmaßnahmen zwei freie Tage.

Möglicherweise lief im Präsidentenzimmer der Fernseher mit den Randale-Bildern, die das derzeit etwas angeschlagene Europa-Bild in der amerikanischen Medienberichterstattung noch unterstrichen haben dürften. Auch darum ging es später im Schloss Bellevue beim Gespräch mit Bundespräsident Johannes Rau, als endlich eine entspannte Herzlichkeit zum Tragen kam.

Ein großes N wie Nervosität lag über dem Besuch des amerikanischen Präsidenten und dies in einer neuen, bislang nicht gekannten Dimension. Nie war der Zugang zu den offiziellen Terminen so begrenzt. Nur ein Bruchteil derer, die sich beworben hatten, durften diesmal dabei sein.

Im Schloss Bellevue gab es die Ehrenformation, die normalerweise Staatsbesuchen vorbehalten ist, aber doch ins Programm genommen wurde, um die Besonderheit dieses Arbeitsbesuches zu unterstreichen. Herrliches Wetter, ein altes Schloss, Christina Rau, die perfekt Englisch spricht, beim Begrüßungsfoto als Konversationspartnerin: Auch solche Momente können Fremdheitsgefühle verscheuchen und das Bild, das der Gast vom Land gewinnt, mit prägen.

Im Schlossgarten traf George W. Bush dann auf lauter alte Bekannte, die sich in der Sonne scherzend schon eine Weile miteinander unterhalten hatten. Zunächst natürlich seine eigene Entourage, die ihn immer begleitet: Außenminister Colin Powell und Sicherheitsberaterin Condoleezza Rice, der Sprecher des Weißen Hauses Ari Fleischer und die Beraterin Karen Hughes, die den republikanischen Wahlkampf geleitet hat. Auch Bundeskanzler Gerhard Schröder und Doris Schröder-Köpf, Joschka Fischer, der deutsche US-Botschafter Wolfgang Ischinger und Frau Jutta, Staatssekretär Rüdiger Frohn und Frau Gabriele waren dabei: „Good morning Mr. President, nice to meet you.“

Zunächst stockte der US-Präsident, als sich Johannes Rau seine Worte gar nicht übersetzen ließ. Als der ihn darauf hinwies, dass er Englisch gut verstehe, antwortete Bush: „Sind Sie sicher? Ich spreche nämlich Texanisch." Johannes Rau erzählte seinem Gast von den drei Jahren, die er in Berlin verbracht hat, und dass man nirgendwo die engen und tiefen Beziehungen zwischen Amerikanern und Deutschen so gut spüren könne wie hier. Auch die Veränderungen seit der Wiedervereinigung erläuterte er. Das Gespräch, bei dem Bush mehrfach auf die „great relationship" mit „Gerhard“ hinwies, verlief in ausgesprochen freundschaftlicher Atmosphäre. Es ging um die Bedrohungen durch Terroristen, die Bush „Killer" nannte, und um die Sorgen um die Sicherheit der Menschen. Auch die Situation im Nahen Osten kam zur Sprache. Johannes Rau warb dafür, den Dialog der Kulturen und Religionen gemeinsam zu führen.

Die Fußgänger, die das Schloss weiträumig umkreisen mussten, sah der US-Präsident nicht. Für die Funktionsträger legt die perfekte Organisation eines solchen Besuches mitunter auch einen Schleier des Unwirklichen über das, was sie umgibt.

Dafür nehmen die persönlichen Begegnungen Stück für Stück das fremde Gefühl weg. Vielleicht haben sie ja auch Folgen, die es irgendwann ermöglichen, die Sicherheit wieder etwas weniger martialisch anzugehen.

» Mehr lesen? Jetzt kostenfrei E-Paper testen!

0 Kommentare

Neuester Kommentar