Berlin : Old good Rock

Das Durchschnittsalter der Band Goldfish ist 38. Sie könnten die ältesten Newcomer Berlins werden

Ariane Bemmer

Danuta Gramse könnte ein Star sein. Sie singt und spielt ohne hinzugucken ihre zerschrammte weiß-rote Gitarre. Sie hat knallblaue Augen, sie trägt bunte Pumps, eine Jeans mit umgekrempelten Beinen und ein rosa Shirt. Sie ist schmal und blond und hat Tätowierungen. Sie ist eine Kreuzbergerin, der man viele durchgefeierte oder durchgearbeitete Kneipennächte ansieht. Mancher hat sich vielleicht nicht getraut, sein Bier bei ihr zu bestellen, weil sie arrogant gucken kann.

Danuta Gramse ist kein Star. Sie singt und spielt Gitarre in der Band „Goldfish“, zusammen mit Friedhelm Kriete, Ben Ebeling und Daniel Burrus, und einmal hat zwar der Musikchef eines Radiosenders angerufen, um zu sagen, wie toll er ihre Musik findet. Da dachten sie: So, jetzt geht’s los. Aber es ist nichts passiert.

– Der hat ja auch kein Plattenlabel, sagt Friedhelm Kriete.

Dabei finden sogar die von den Plattenfirmen ihre Musik toll. Aber einen Vertrag haben sie trotzdem nie bekommen.

– Die sagen, wir passen nicht in ihr Konzept, sagt Danuta Gramse. Musik sei für die Plattenfirmen eben nur ein Produkt, für das es Marketingkonzepte gebe, sagt sie. „Wie bei Spaghettisoße.“ Und wenn sie da denn nicht reinpasst, dann will sie lieber nicht wie Spaghettisoße sein.

Gerade ist Probe im Übungsraum unten im Flughafen Tempelhof. Der Raum kostet inzwischen mehr als die Wohnung von Keyboarder Ebeling. Die Zeiten haben sich geändert, seit damals in den 80ern vom Senat Rock-Wettbewerbe ausgeschrieben und Musiker gefördert wurden. Die von Goldfish wissen das, sie sind heute zwischen 32 und 43 Jahren, sie haben die alten Zeiten selbst erlebt. Danuta Gramse packt ihre Gitarre aus und stöpselt sie ein, Ebeling klimpert auf den zwei Keyboards, Kriete sitzt hinter dem Schlagzeug und raucht. Goldfish teilt sich die 24 Quadratmeter mit einer anderen Band, die Weltmusik macht. Die haben die rechte Hälfte, Goldfish die linke. Der Raum ist niedrig, die Neonröhren an der Decke sind mit roten und gelben Bettlaken verhängt. An den Wänden kleben Filzteppichquadrate und über dem Ecksofa auch Postkarten mit Maria-Motiven. Auf dem Glastisch stehen volle Aschenbecher und leere Flaschen. Burrus, der Bassist, ist neu, er muss noch üben. Es sind rockige Lieder, die meistens fetzen, mal aber auch traurig klingen. Danuta Gramse hat ein Plastikeichhörnchen gekauft, das rasselt wie eine Klapperschlange. Damit macht sie Westernsound.

Sie proben zweimal die Woche, außerdem hier und da Konzerte, für die sie mit Auf- und Abbauen zehn Stunden auf den Beinen sind. Oder sie nehmen eine Demo-CD auf, die sie an Plattenfirmen senden und zurückkriegen. Die sie an Radiostationen senden, wo sie gelobt werden, und dann noch mal an die Plattenfirmen – und sie wieder zurückkriegen. Manchmal sind sie gefrustet, dass es nicht vorwärts geht, oder sauer auf die Stadtmagazine, die über Madonnas CD berichten statt über kleine Berliner Bands. In London oder New York gehe man anders mit Nachwuchs um, da habe die lokale Musikszene Fans und Förderer.

Wer spielt, will gehört werden, sagt Danuta Grams. Ohne CD bekomme man kaum Auftrittsmöglichkeiten. In Berlin gehe es gerade noch, aber außerhalb sei ohne CD nichts zu machen. „Wie bei Obdachlosen: Ohne Wohnung keine Arbeit und ohne Arbeit keine Wohnung.“

Wie viele Bands es hier gibt, kann man nicht sagen. Tausende. Immer wieder schaffen welche den Durchbruch. Vorneweg die Ärzte, dann Rosenstolz, Mia, Seeed, P.R. Kantate, Beatsteaks oder Sido. Letztere konnten kaum laufen, da hat Danuta Gramse in besetzten Häusern von SO 36 gespielt. Die anderen haben heute Verträge, Gramse hat gelacht, als man ihr zu kurzen Röcken oder deutschen Texten rät, das verkaufe sich besser.

Aber aufhören würden sie mit der Musik trotzdem nicht. Danuta Gramse hatte vor Goldfish ein Jahr lang keine Band. „Ich bin da richtig unglücklich geworden“, sagt sie. Kriete dagegen hat mal ein Jahr lang nur von Musik gelebt. Als „Mucker“, wie er sagt. Hat Aufträge angenommen, jeden Tag in einer anderen Kapelle gespielt. Die Musik war dabei, zu „irgendeinem Job“ zu werden. Da hörte er auf.

Sie haben jetzt eine Firma, die ihre Platte rausbringt. Sie gehöre einem Kerl, der Musikfan sei und nicht so aufs Geschäft achte. Die Studiomiete muss Goldfish selber zahlen. „Auch wenn das nichts wird, hat es sich trotzdem gelohnt“, sagt Danuta Gramse. „Es machen ist das Ziel.“

Im Übungsraum spielen sie „Carry your name“, das wird vielleicht das erste Lied auf der CD.

– Das ist unser Hit, sagt Gramse.

– Hit? Das ist doch kein Hit, sagt Kriete. Das ist unser schlechtester Song.

– Wir haben keine schlechten Songs, sagt Gramse. Wenn sich das rumspricht, werden sie bald die älteste Newcomerband Berlins.

Goldfish spielen beim „Berlin Insane“-Festival am 10. September. Genaue Daten stehen noch nicht fest. Infos: www.goldfish-music.de

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