Berlin : Olympia-Pleite Berlin: Dabei sein war alles (Leitartikel)

Lorenz Maroldt

Heute, am 22. Juli, ertönen in Berlin fröhliche Fanfaren, wird ein Feuer entzündet und bunte Begeisterung entfacht. Heute werden hier, im Herzen Deutschlands, die Olympischen Spiele 2000 feierlich eröffnet, und die ganze Welt schaut zu. So hätte es sein sollen. Das wäre ja auch zu schön gewesen. Aber die Welt wollte uns nicht. Die Spiele gingen nach Sydney.

Heute wissen wir, dass Berlin nie eine echte Chance hatten. Und dass die Bewerbung nicht in der Hand der richtigen Leute lag. Es war ein Irrtum, dass die Welt sich so dermaßen über den Fall der Mauer freute, dass sie gar nicht anders könnte, als ihre besten Athleten hierher zu schicken. Aber war es wirklich falsch, sich damals überhaupt beworben zu haben? War es gut, dass Berlin die Spiele nicht bekam?

Die zwei gewichtigsten Argumente für die Bewerbung waren: Die so lange geteilte Stadt hätte mit Olympia ein gemeinsames, Identität stiftendes Ziel. Und das neue Berlin hätte einen unaufschiebbaren Termin, an dem es perfekt sein müsste. Manches geht unter Druck besser. Aber manches geht unter Druck auch daneben. Berlin blieb die Prüfung erspart - und ist trotzdem schon fast eine richtig schöne Stadt geworden. Mit neuen Häusern, Plätzen, Parks und Geschäften. Die Regierung ist gut angekommen, und mit ihr die Gesellschaft und die Lebenslust, die eine Metropole zum Atmen braucht. Ein bisschen Wirtschaft ist auch mitgekommen. Und schon das war anstrengend genug. Viel Zeit zum Nachdenken oder Genießen blieb da nicht. Wie wäre es erst mit einer echten "Deadline" geworden, mit Olympia im Nacken?

Der Hauptstadtumzug sei die Pflicht, Olympia die Kür - das hatte der Regierende Bürgermeister damals gesagt. Diese Kür hätte leicht selbst zu einer erdrückenden Pflicht werden können. Von damals bis heute, bis zum 22. Juli 2000, alles zu schaffen und dabei nicht durchzudrehen, sondern begeistert zu sein - das war kaum möglich. Das neue Olympiastadion. Und noch eine Halle. Ein olympisches Dorf. Den Olympia-Express. Ein Medienzentrum. Noch mehr Hotels. Neue Straßen. Und, so ganz nebenbei, das neue Regierungviertel, das Kanzleramt, die Bundestagsbüros. Alles hätte spätestens heute fertig sein müssen. Berlin konnte die Jugend der Welt schließlich nicht auf einer Baustelle empfangen. Aber die Menschen hätten nicht mehr Schritt halten können mit dem, was um sie herum geschieht. Sie hätten es auch nicht gewollt. Berlin wäre in die Knie gegangen.

Auf die Olympischen Spiele konnte die Stadt also ganz gut verzichten. Aber ohne den Traum davon wäre Berlin ganz bestimmt nicht so weit wie heute. Wer sich anderen präsentiert, muss sich selbst darüber klar werden, wer er ist. Zu dieser Klarheit hat die olympische Anstrengung beigetragen. Die Bewerbung hat der Stadt ihre Möglichkeiten gezeigt, das Scheitern der Bewerbung ihre Grenzen. Das hat geholfen, zwischen Verzagtheit und Übermut erwachsen zu werden. Und einen schönen Nebeneffekt hatte der Schwung von damals ja auch: Die finanziell am Boden liegende Stadt traute sich, ein paar neue Sporthallen zu errichten. Sie sind praktische Andenken an den olympischen Traum.

Was wäre der Stadt nach Olympia geblieben? Wohl nicht viel mehr als grenzenlose Erschöpfung und das Gefühl, dass die Zukunft des neuen Berlin jetzt hinter ihr liegt. Dass es keine wirklichen Ziele mehr gibt. Da geht es uns ohne Olympia doch heute sehr viel besser. Wir haben noch Lust auf Neues und freuen uns in aller Ruhe auf die Fußball-Weltmeisterschaft. Dann sehen wir weiter.

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