Berlin : Olympiastadion: In Terminnot

Christian van Lessen

Krisenstimmung nach dem PCB-Alarm im Olympiastadion: Die Verantwortlichen der Firma Walter-Bau als Bauherrin und die Senatsbauverwaltung hatten kein ruhiges Wochenende, nachdem die Funde im Bauschutt von abgerissenen Treppen des Unterrings am Freitag vergangener Woche öffentlich bekannt wurden. Heute sollen Messungen beginnen, bis spätestens Mittwoch soll die Auswertung vorliegen. Dann wird sich zeigen, wie weit das Stadion mit dem krebserregenden Stoff und seinem Staub vergiftet ist und welche Auswirkungen zu befürchten sind. Offen ist, wie weit Bauarbeiter gefährdet waren, wie die Sicherheit des Publikums und der Spielbetrieb von Hertha BSC zu gewährleisten sind.

Der für den 4. August geplante Heimstart von Hertha BSC ist "offen", sagte Bausenator Peter Strieder. Erst müsse eindeutig geprüft werden, inwieweit sich der belastende Staub auf das Spielfeld und die Ränge ausgebreitet habe. Danach sei zu klären, ob der PCB-Staub beseitigt werden könne. Die Gesundheit der Spieler und Zuschauer habe Vorrang. "Man sollte nicht im Vorfeld die Pferde scheu machen", warnte Hertha-Manager Dieter Hoeneß, ein Ergebnis sei immerhin schon in drei Tagen zu erwarten.

Fraglich ist, ob der Fertigstellungstermin 2004 für den Stadion-Umbau noch gehalten werden kann, wie teuer die Entsorgung wird und wer die Kosten trägt. Nach dem Vertrag zwischen Senat und Walter-Bau müssen nach Angaben der Verwaltung alle nicht vorher abgeklärten Risiken von der Firma getragen werden. Die Baufirma ist dagegen der Ansicht, dass die Kosten für eine "unerwartete Bodensituation nicht unbedingt zu unseren Lasten" gehen.

Klar ist aber inzwischen, dass die Senatsbauverwaltung früher von den PCB-Funden informiert war, als es zunächst den Anschein hatte. Warum die Firma Walter-Bau, die bereits am 20. Juni die Abbrucharbeiten an Unterring-Treppen nach PCB-Funden im Bauschutt eingestellt hatte, nicht sofort die Öffentlichkeit informierte, ist noch zu klären. Als Bauherrin wäre sie dazu berechtigt gewesen. Die Firma informierte allerdings schriftlich die Senatsbauverwaltung, wies auf umweltgefährdende Stoffe im Bauschutt hin, ein Gutachten sei in Auftrag gegeben. Die Baubehörde als Vertragspartner von Walter-Bau erkannte die Brisanz der Angelegenheit offenbar erst, als eine Kopie des Gutachtens am 29. Juni vorlag. Walter-Bau will seit Montag vergangener Woche auf eine Information der Öffentlichkeit gedrängt haben. Bis aber die Erkenntnis, dass es sich bei den PCB-Funden um ein ernsthaftes Thema handelt, aus dem mittleren Management bis zur Verwaltungsspitze vordrang, verging mehr als eine Woche.

Mit der Kommunikation, da sind sich die Beteiligten einig, steht es nicht zum Besten. "Auf ausdrücklichen Wunsch des Senats" wolle sich zum Thema PCB im Olympiastadion nur noch die Verwaltung äußern, sagte gestern Alexander Görbing von Walter-Bau: "Wir gehen auf Tauchstation". Petra Reetz, die Sprecherin der Senatsbauverwaltung, meinte dagegen, gerade die Baufirma habe diesen Wunsch geäußert. Beide Seiten aber waren sich einig, erst einmal abzuwarten. Wie gebannt werden die Messergebnisse erwartet. Deutliche Verzögerungen bei der Fertigstellung sind nicht auszuschließen.

Unklar ist, wieweit die Treppenfugen des Oberrings - von dem bislang erst knapp über ein Viertel erneuert ist, von PCB belastet sind. Sollten Proben im gesamten Stadion unumgänglich sein, dann "gute Nacht, Marie", sagte Görbing. Nach dem Vertrag müssen mindestestens 55 000 Plätze während der Spielzeit garantiert sein, was mit weiträumigen Sicherheitsabsperrungen kaum zu schaffen ist. Der Unterring ist erst gut zur Hälfte erneuert, ein mögliches PCB-Problem mit dem Bauschutt allerdings schon abtransportiert. "Raus ist raus, aber wo sind die Sachen hingebracht worden?", fragte Strieders Sprecherin. Die Abrissarbeiten an den alten Trepppen wurden gestoppt, das benachbarte Olympiabad bleibt bis auf Weiteres geschlossen. Gearbeitet wird derzeit an zwei Tiefgaragen und dem Oberring.

Die Senatsverwaltung richtete eine Arbeitsgruppe ein, die Not-Szenarien entwickelt und die gesundheitlichen Gefahren polychlorierter Biphenyle erörtert. Sie könne sich beispielsweise vorstellen, die Baustelle drei Tage vor einem Spiel stillzulegen, damit PCB-Reste durch Bauarbeiten nicht aufgewühlt werden, wie auch Asbest im Ruhezustand gefahrloser sei, sagte Petra Reetz. Es müsse beim Spielbetrieb der Kontakt zur Baustelle verhindert werden. Sie erinnerte daran, dass in Gutachten vor dem Beginn des vom Bund finanzierten 473-Millionen-Umbaus von PCB im Baumaterial keine Rede war. Vielleicht sei nicht gezielt nach dem Gift gesucht worden, das vermutlich vor der Fußballwelt-WM 1974 für Reparaturen eingesetzt wurde.

Aber auch schon in den Sechzigern kann es mit Spachtelmasse versetzt worden sein, als Weichmacher und Flammenschutzmittel. PCB ist seit 1983 in der Bundesrepublik, seit 1988 international verboten.

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