Berlin : Oma und Oper

Die Hochkultur geht auf Tour in die Kieze und will sich ein neues Publikum erschließen.

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Kunst im Kiez. Musiker der Komischen Oper verzaubern ihr Publikum. Foto: Björn Kietzmann
Kunst im Kiez. Musiker der Komischen Oper verzaubern ihr Publikum. Foto: Björn KietzmannFoto: Björn Kietzmann

Irmgard Müller ist 83 Jahre alt und war noch nie in der Oper. „Ich bin also eher skeptisch“, sagt die weißhaarige Dame energisch und schiebt ihre Gehhilfen unter den Tisch in der Begegnungsstätte Gitschiner Straße 38. Denn an diesem Dienstag ist die Oper zu ihr gekommen, genauer gesagt: die Komische Oper Berlin.

Ein Kleinbus hat Sänger und Musiker in den Kreuzberger Wassertorkiez gebracht, drei Notenständer bilden die provisorische Bühne. Auf der erklingen in der kommenden halben Stunde Melodien von Rossini, Bizet, Mozart, Benatzky und Paul Abraham. Und das Publikum, etwa 50 ältere Frauen und Männer, davon viele aus der Seniorenwohnstätte, lässt sich gern entführen: lächelt über den Barbier von Sevilla, der die Frauen nicht durchschaut, bedauert die miauende Frau im Stein der Weisen, freut sich am Oberkellner Leopold im Weißen Rößl und seufzt mit den Liebenden in der Blume von Hawaii.

Was Katharina Morfa (Mezzosopran) und Bernhard Hansky (Bariton) an sängerischer und schauspielerischer Leistung bieten, kann sich nicht nur im Kiez hören und sehen lassen. Begleitet werden sie ebenso professionell von Hannah Perowne (Geige), Arnulf Ballhorn (Kontrabass) und Juri Tarasenok (Bajan). Pavel B. Siracek führt die Zuschauer mit viel Hintergrundinformationen durch das Programm und macht ganz nebenbei ein wenig Werbung für die Komische Oper.

Dort ist schließlich das interkulturelle Projekt „Selam Opera“ entstanden, das vor allem auch türkischstämmige Berliner ansprechen will. „Dazu wurde nun der Operndolmus entwickelt“, sagt Oliver Brandt von der Komischen Oper. Dolmus nennt man einen vollen Kleinbus in der Türkei, und der Operndolmus soll ab jetzt an einem Tag im Monat Begegnungsstätten, Migranten- und Bildungseinrichtungen sowie Seniorenheime anfahren. „Die Idee stammt von Mustafa Akca“, sagt Brandt: „wer Interesse an einem Besuch hat, kann sich melden.“

An diesem Dienstag treten die Musiker noch in einem Nachbarschaftszentrum sowie in einem Elterncafé auf. Mit etwas Verspätung, denn das Publikum in der Gitschiner Straße hatte lautstark eine Zugabe gefordert. „Wir sind begeistert, es ist nur schade, dass es nicht länger gedauert hat“, sagt Tanzlehrer Günther Möller. Seine Tanzpartnerin Sibylle Bornschein stimmt zu. „Solche Veranstaltungen könnten viel öfter sein, das ist besonders für die älteren Menschen, die nicht mehr so beweglich sind, wunderbar.“

„Wunderbar“ findet auch die zuvor skeptische Irmgard Müller das Programm. Und bedauert sehr, dass sie nie zuvor in der Oper war. „Jetzt geht es schlecht“, sagt sie und deutet auf ihre Gehhilfen. Doch Tischnachbarin Edith Vollack, die in der Begegnungsstätte ehrenamtlich eine Handarbeitsgruppe für Seniorinnen und Schulkinder leitet, tröstet sie: „Frau Kaiser organisiert einen Bus, da können Sie auch mitkommen.“

Gertrud Kaiser, die Leiterin der Begegnungsstätte nickt: „Das ist hier kein reicher Kiez“, sagt sie: „Opernbesuche standen bei den meisten Bewohnern nicht auf der Tagesordnung.“ Das Dolmus-Projekt hat sie von Anfang an unterstützt. Auch weil es Menschen mit Migrationshintergrund anspricht, sagt sie. Die waren an diesem Dienstag ebenfalls vertreten. Und freuten sich sehr, als Katharina Morfa als Carmen plötzlich türkisch sang. Sandra Dassler

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