Berlin : Online mit Milchkaffee und Bagel - Surfen zum Nulltarif

Tanja Buntrock

Den Cappuccino in der linken und die drei Supermarkt-Tüten in der rechten Hand, hechtet Carlos Medina zum Internet-Terminal, einem festinstallierten Computer, bei "World Coffee" in der Schönhauser Allee. Das ist eines der neuartigen Cafés, wo der Milchkaffee "Café Latte" heißt und die Sahnecremetorten solchem Gebäck wie Muffins, Bagels und Brownies gewichen sind. Dem fünfundzwanzigjährigen Musikstudenten aus Venezuela kommt das Angebot, neuerdings im Café kostenlos surfen, mailen und chatten zu können, gerade recht, denn "mit meinen Freunden in Südamerika halte ich ständig Kontakt über e-mail, und wenn ich hier in der Gegend einkaufen gehe, dann schaue ich gerne mal in meine Mailbox. In einem speziellen Internet-Café müsste ich dafür zahlen", erzählt er begeistert.

Auf Leute wie Carlos zielt das Unternehmen "Stadtnet". Es steckt hinter der Idee, Internet-Terminals zum Nulltarif aufzustellen. "Wir wollen in angesagten Szene-Lokalen den meist jungen Besuchern die Möglichkeit bieten, gemütlich in der Mittagspause Freunden eine e-mail zu schicken oder mal eben die Börsenkurse zu checken. Das gilt vor allem auch für die Leute, die zu Hause noch nicht online sind und sich mit diesem neuen Medium vertraut machen wollen", erklärt Andreas Maladinski, einer der vier Gründer von Stadtnet. Seine Sprache ist beherrscht durch die neue Welt des Internets: "Dem User im Café oder dem Business-Traveller stehen eine Auswahl der besten Sites der insgesamt 20 Online-Angebote an unseren Terminals zur Verfügung".

Die 20 Anbieter, das sind die Werbepartner von Stadtnet. Über diese wird das Angebot finanziert. "Dadurch, dass die Nutzer die Seiten unserer Werbepartner anklicken, bekommen wir von ihnen Geld und können das Angebot für den Besucher und den Gastronom, der die Terminals aufstellt, zum Nulltarif anbieten", schildert Maladinski.

Für Carlos ist es zwar am wichtigsten, kostenlos seine e-mails zu verschicken, doch dass er auch noch die aktuellen Zugverbindungen raussuchen, Bücher bestellen, Wohnungs- oder Reiseangebote durchlesen kann, findet er "total toll", es reizt ihn besonders, "das alles zwischen Einkaufsbummel und Cappuccino erledigen zu können.

Pornoseiten sind nicht zugänglich

"Wir finden, dass wir mit der Auswahl des Angebots an Internet-Seiten den Ansprüchen unserer Zielgruppe gerecht werden", betont der Stadtnet-Geschäftsführer, "eine Seite über Katzenfutter beispielsweise, ist nicht das, was unsere Nutzer interessiert". Abgesehen davon, dass die Angebots-Auswahl zur Finanzierung nötig ist, sieht Maladinski dies auch als Qualitätskontrolle an. Würde den Nutzern eines Stadtnet-Terminals ein beliebiger Zugriff auf alle Seiten des World-Wide-Webs möglich gemacht werden, ist sich Maladinski sicher, dass "ganz viele Leute Suchbegriffe aus dem sexuellen Bereich" eingeben würden, "das garantiere ich Ihnen". Und gegen Pornoseiten und Ähnliches haben natürlich auch die Café- und Lokalbesitzer etwas, denn für sie ist ein seriöses Internet-Angebot wichtig, um die Attraktivität des Ladens zu steigern.

Einen Imagegewinn ihres Geschäfts versprechen sich neben den beiden World Coffee-Filialen in Prenzlauer Berg und Spandau auch andere Gastronomen. So werden innerhalb der nächsten vier Wochen in ganz Berlin noch zehn weitere so genannte "Szene-Locations" Stadtnet-Terminals anbieten. Unter den mittlerweile bundesweit 45 Standorten soll Berlin zukünftig ganz besonders stark präsent sein. Die Terminals, die laut Maladinski im "Retro-Look" gehalten sind, sich also mit ihrem Edelstahl-Gehäuse und dem Rauchglas auf das Wesentliche beschränken, "passen einfach gut in die Lokale. Sogar in einem Frisörgeschäft in Prenzlauer Berg wird bald ein Terminal von uns stehen, damit die Kunden die Wartezeit besser überbrücken können", sagt er.

Besonders wichtig ist den vier Jungunternehmern auch der "heimische Surfkomfort", der ihrer Ansicht nach durch festinstallierte Abstelltische, Aschenbecher und Flaschenhalter an den Terminals garantiert wird. Beim Terminal in Prenzlauer Berg fehlt der Aschenbecher - doch Carlos stört etwas anderes viel mehr: "Warum gibt es hier keinen Drucker, mit dem ich die Wohnungsangebote ausdrucken kann?"

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