Berlin : Operation Leben

Ein Tumor wuchert im Darm. Er muss raus – ein heikler Eingriff bei einem 65-jährigen Patienten

Ingo Bach

Es begann eigentlich ganz harmlos: Die hartnäckige Verstopfung, unter der Helmut Gross (Name geändert) litt, wollte sich nicht so recht lösen. Aber das hat schließlich jeder mal, und mit 65 ist so was auch nicht ungewöhnlich. Doch dann wurden die Bauchschmerzen heftiger. Sein plötzlich schwarzgefärbter Stuhl ließ ihm keine Wahl mehr – Gross ging zum Arzt. Der ließ ein Röntgenbild machen. Da, eine verdächtige Engstelle am Dickdarm! Der Doktor überwies seinen Patienten an das Vivantes-Humboldt-Klinikum in Reinickendorf.

Den Krankenhausärzten war schnell klar: Da saß ein Tumor. Im fortgeschrittenen Stadium, auf Faustgröße herangewuchert. Aber das sollte nicht das einzige Problem bleiben. „Überall im Dickdarm fanden wir Wucherungen, Polypen, die leicht zu bösartigen Geschwulsten entarten können“, sagt Ulrich Adam, Direktor der Klinik für Visceral- und Gefäßchirurgie am Humboldt-Klinikum. Und als sei das noch immer nicht genug, leidet Gross an einer beginnenden Leberzersetzung, Zirrhose genannt. „Ein extrem hoher Risikofaktor, weil dadurch die Gefahr schwerer Blutungen wächst.“ Die Ärzte entscheiden: Nicht nur der tumorbefallene linke Teil des Dickdarms muss entfernt werden, sondern fast das gesamte Organ. Nur 30 Zentimeter des ursprünglich 1,50 Meter langen Verdauungsschlauchs sollen im Körper bleiben. Mindestens zwei Kilogramm wiege das zu entfernende Gewebe, schätzt Adam. Denn der Chirurg muss nicht nur den Dickdarm herausschneiden, sondern auch das umliegende Lymphgewebe. Nur so sei es möglich, die Gefahr weiterer Krebsherde zu minimieren. Denn einzelne Krebszellen setzten sich oft in den umliegenden Lymphknoten fest, wandern von dort durch den Körper und könnten so Metastasen bilden, Tochtergeschwulste. Trotz der umfangreichen Organverluste würde der Patient aber ein fast normales Leben führen können, sagt Adam. „Er darf weiterhin fast alles essen und trinken.“

Doch nun liegt Helmut Gross erst einmal bewusstlos auf dem Operationstisch. Schläuche zur Luftversorgung und zum Dosieren des Narkosemittels führen in seinen Mund. Sein Gesicht wird durch eine durchsichtige Plastikfolie abgeschirmt. Das schüttere gelblich graue Haar ist unter einer grünen OP-Haube verborgen.

Sein Bauch ist weit geöffnet, offengehalten durch vier gebogene Schaufeln, die auf einem ovalen Zahnkranz sitzen, dem Bauchdecken-Rahmen. Aus dem Leib ragt ein flacher Hügel des verschlungenen Dünndarms heraus: eine feucht glänzende Mischung aus etwa zwei Finger dickem rosa-grauem Schlauch und gelb-braunem, von Blutgefäßen durchzogenem Fettgewebe. Immer wieder muss Adam die verschlungene Masse beiseite schieben und beherzt tief in die Bauchhöhle hineingreifen, denn der Dickdarm liegt zum größeren Teil darunter. Den zieht er so weit wie möglich hoch. Das dunkelrosa Verdauungsorgan ist fast unsichtbar in der Masse knorplig verwachsenen gelbbraunen Fetts, das den Darm an seinem Platz fixiert.

Vorsichtig, in kleinen Schnitten, kappt Adam diese Halterung. Er benutzt dafür eine Schere, durch die Strom fließt. Dadurch wird das verletzte Gewebe quasi verkocht und so verschlossen. Es fließt wenig Blut. Bei jedem Schnitt gibt das Gewebe dem Zug nach, so wie ein Kleid, dessen Nähte man auftrennt.

Da ist er, der Tumor. Faustgroß, etwas dicker als der restliche Schlauch. Ein wenig dunkler. Vor allem aber ist er hart. Die weiche Flexibilität, die Biegsamkeit des Darmes ist an dieser Stelle unterbrochen. Ohne die Operation würde das Geschwulst weiter wuchern, tiefer in die umliegenden Organe, würde auch diese in ihrer Funktion schädigen, wie schon beim Dickdarm geschehen.

Deshalb der Eingriff: Adam setzt die Klammer-Naht-Zange an, ein sauberer Schnitt trennt den Dickdarm vom Dünndarm. Eine praktische Maschine, verhindert sie doch so ganz nebenbei unangenehme Begegnungen mit dem Darminhalt. Denn die Apparatur durchschneidet den Schlauch und versiegelt gleichzeitig die beiden offenen Seiten mit vielen kleinen Kunstoffklammern.

Das große Stück Darm, das nach etwa drei Stunden Operation nicht mehr zum Körper von Helmut Gross gehört, wird nun in die Pathologie gebracht, wo die entfernten Lymphknoten gezählt werden und untersucht wird, wie viele von ihnen mit Krebszellen befallen waren. Ob er alle von ihnen erwischt hat, ist der Kunst des Chirurgen überlassen. Ein Sicherheitsnetz bleibt ihm noch. Die anschließende Chemotherapie. „Die erreicht auch mal eine weit weggewanderte Krebszelle.“ Wird Helmut Gross wieder ganz gesund? Adam überlegt kurz. „Es sieht vergleichsweise aus, aber der Krankheitsverlauf bei Krebs kann tückisch sein. Ich habe getan, was ich als Chirurg tun konnte.“

Sachlichkeit statt Heilsversprechungen, muss ein Krebsarzt so sein? Ernst Späth-Schwalbe ist oft Überbringer schlechter Nachrichten. Seit 14 Jahren arbeitet er als Onkologe, seit sechs Jahren ist er Direktor der Klinik für Innere Medizin, Hämatologie und Onkologie am Vivantes-Klinikum Spandau – und er hat in dieser Zeit tausende Tumor-Patienten behandelt und hunderten von ihnen sagen müssen, dass nur noch wenig Hoffnung auf Heilung für sie besteht. Im Durchschnitt wird nur jeder zweite Krebspatient geheilt – die Chancen sind aber je nach Krebsart und anderen Faktoren, wie etwa dem Alter des Betroffenen oder dem Stadium, in dem die Geschwulst erkannt wird, höchst unterschiedlich.

Wie sagt man einem Patienten, dass er bald sterben wird? Immer aufrichtig bleiben, sagt Späth-Schwalbe. Das bedeute zwar nicht, den Patienten mit jedem einzelnen Detail des Befundes zu belasten und bei jedem Arztgespräch über den Tod zu philosophieren. Aber den Patienten anlügen, ihm Hoffnung auf Heilung machen, wo eine solche Hoffnung nicht besteht, das sei grundfalsch. „Das für die Therapie wichtige Vertrauensverhältnis von Arzt und Patient würde dadurch Schaden nehmen.“

Der hochgewachsene schlanke 51-Jährige mit dem vertrauenerweckenden graumelierten Haar benutzt das Bild eines Mantels, den er dem Patienten anbiete. „Er hat dann die Chance, ihn anzuziehen oder abzulehnen“ – sprich die Wahrheit nicht in allen Details zu erfahren. „Ich will das gar nicht so genau wissen“, wehrten vor allem ältere Patienten das Angebot ab. „Sagen Sie mir alles“, forderten eher die jüngeren.

Immer wieder wird dem Arzt bei solch einem Gespräch dann die Frage gestellt: „Wie viel Zeit bleibt mir noch?“ Drei Monate, anderthalb Jahre – solch exakte Antworten gibt es nur in Arzt-Serien, nie in der Realität, sagt Späth-Schwalbe. Denn die Situation, der Krankheitsverlauf beim Krebs ändere sich ständig. Deshalb sind Todesahnungen beim ersten Arztgespräch nach der Diagnose auch selten. „Hat man Krebs, hat man noch viele Aufklärungsgespräche vor sich.“

Wenn ein Patient ihn nach der verbleibenden Zeit fragt, antwortet Ernst SpäthSchwalbe zuerst mit einer Gegenfrage. Warum ist das wichtig für Sie? Und dann hört er von der Großmutter, dass sie gerne noch erleben würde, wie ihr Enkel eingeschult wird. Dann könne man eine vorsichtige Prognose wagen, meint der Arzt. Bei den meisten Fragenden aber stehe dahinter der Wunsch, doch zu hören, dass es noch Hoffnung gebe. „Dann muss ich es deutlicher sagen: das Ziel ist nicht mehr die Heilung, aber dafür die Verlängerung des Lebens, die Verbesserung der Lebensqualität.“

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