Opfer des Zweiten Weltkrieges : "Dass die Welt die Lehren zieht, aus dem Holocaust"

Ein deutscher Soldat teilte sein Brot mit dem jüdischen Jungen. Die Sprache der Täter wollte dieser trotzdem nie lernen – bis er zu Besuch nach Berlin kommt.

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Im Land der Täter. Boris Zabarko.
Im Land der Täter. Boris Zabarko.Foto: DAVIDS/Sven Darmer

Wie stellt man sich der Geschichte, wenn man aus Deutschland stammt und der Vater einer jener Kindersoldaten war, die das Nazi-Regime kurz vor dem Zusammenbruch an die Ostfront schickte? Durch Begegnungen mit den Opfern dieses Krieges zum Beispiel. Indem man sich an einen Tisch setzt mit Boris Zabarko, dem Juden aus der Ukraine, und indem man ihn fragt: Was bleibt aus dieser Zeit, welche Erinnerungen, die grausamsten und die Hoffnung spendenden?

14 Überlebende des Holocaust waren vor kurzem zu Besuch in Berlin. Das Maximilian-Kolbe-Werk hatte sie eingeladen. Auf dem Besuchsprogramm stand unter anderem das Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit. Einer der Ehrenamtlichen des Kolbe-Werks lebt im Wahlkreis von Minister Gerd Müller (CSU). Auch das mag dazu beigetragen haben, dass Müller selbst sich die Zeit nahm, mit der Gruppe zu sprechen.

Müller gilt nicht als einer jener Amtsträger, der sich über geschliffene Formulierungen und austarierte Sprachregelungen um politische Tretminen herumlaviert; krawallig kommt er aber auch nicht daher. Nach der knapp einstündigen Begegnung mit der Gruppe um Boris Zabarko, Vorsitzender des „Ukrainischen Verbands der jüdischen ehemaligen Ghetto- und KZ–Häftlinge des NS-Regimes“, macht Müller unerwartete Pausen mitten in Sätzen und trifft Aussagen wie diese: „Da verschwinden plötzlich die Tickermeldungen des Tages“.

Wir hören zu

Warum eine Begegnung mit der Vergangenheit unsere Gegenwart für einen Augenblick ausblenden kann, das erklärte der französische Schriftsteller und Moralist der Postmoderne Michel Houellebecq neulich im „Spiegel“ so: „Von der historischen Last des Nazismus werden Sie sich nicht erholen, oder nur in einer nicht vorstellbaren Zukunft. Gerade dieses Schuldbewusstsein ist so rührend an den Deutschen. Jeder hat das Bedürfnis, ihnen zu helfen. Vor allem die Juden“. Und Minister Müller sagt, als knüpfe er an das Geschriebene an: „Sie sind sehr dankbar für unser Engagement in der Ukraine und ich bin sehr dankbar dafür, dass wir für sie etwas tun können.“

Arkadij Bykowskij (stehend) und Efim Goldschlak waren kürzlich zu Besuch in Berlin, eingeladen vom Maximilian-Kolbe-Werk.
Arkadij Bykowskij (stehend) und Efim Goldschlak waren kürzlich zu Besuch in Berlin, eingeladen vom Maximilian-Kolbe-Werk.Foto: Sven Darmer / Davids

Was wir für sie tun können? Ihnen zuhören, auch wenn das Gespräch uns an unsere Grenzen führt. Weil es schwer ist, Abstand zu halten, wenn Arkadij Bykowskij, der mit seiner Familie in ein Ghetto in der Nähe von Odessa getrieben wurde, seine Geschichte erzählt. Weil die Nazis auf der Suche nach seinem Onkel waren, sperrten sie seine Mutter, seine Schwester und ihn in ein Gefängnis, wo sie tagelang verhört wurden. Seine Mutter schwieg. Andere verrieten Verwandte oder Freunde und die Schergen ließen sie gehen. Seine Familie dagegen trieben die Nazis zusammen mit anderen, die auch nicht reden wollten, zu einem Erschießungskommando. „Auf dem Weg begegnete uns eine frühere Nachbarin, sie schrie, die Soldaten sollten ‘ihre Schwester‘ loslassen und sie zog meine Mutter und uns aus dem Gefangenenzug raus“.

Die Nachbarin, aus der Ukraine, war selbst keine Jüdin. Sie wird heute in der Gedenkstätte Yad Vashem als „Gerechte unter den Völkern“ geehrt, weil sie ihr Leben für die Rettung eines Juden riskierte.

Bykowskij erzählt dann noch die Geschichte des deutschen Soldaten, der einen Laib Brot bei sich hatte und als sich Bykowskij ihm näherte, Zähne klappernd, weil er seinen Hunger nicht anders zum Ausdruck bringen konnte, das Brot teilte und ihm davon gab.

"Dass die Welt die Lehren zieht, aus dem Holocaust“

Und trotzdem: „Wir hatten Deutsch in der Schule, aber ich habe es immer abgelehnt, die Sprache der Täter zu lernen“, sagt Bykowskij. Zehn Jahre jung war er, als die Sowjets ihn befreite. Im kommenden Jahr wird er 80 – und plötzlich schiebt er so einen überraschenden, so einen befreienden Satz nach: „Und dann werde ich anfangen Deutsch zu lernen“, seine blauen Augen leuchten, sein Gesicht hellt sich auf – und er reicht zum Abschied die Hand.

Darin liegt wohl der Zauber in Begegnungen wie diesen, dass ganz einfache Menschen aus einer Generation, denen unser Land die Kindheit raubte, Sätze sagen, die nach Versöhnung klingen. Vielleicht verhilft das zur Heilung der seelischen Wunden, die länger braucht als die Stimme der Vernunft, die auf die Frage nach unserer Schuld sagt: „Ich beschuldige niemanden, es ist eine neue Generation, ein neues Leben“, sagt Boris Zabarko – er fügt dann noch hinzu: „Eine Bitte habe ich aber: Dass die Welt die Lehren zieht, aus dem Holocaust.“ In Berlin wohl, so scheint es: Er sei „täglich mit der Geschichte konfrontiert“ und führe jeden Gast an das Fenster seiner Diensträume mit Blick auf die Topografie des Terrors, um darüber zu sprechen, sagt Minister Müller. „Es wäre so einfach, wenn Menschlichkeit als Grundlage des Miteinanders akzeptiert würde, dass nämlich jeder Mensch das selbe Recht auf Leben hat“, sagt er. Stattdessen werde „bis heute aus ethnischen Gründen gemordet, im Süd-Sudan zum Beispiel“. Und da kehrt die Gegenwart langsam zurück mit den Ticker-Meldungen. Doch der Wunsch zu helfen ist auch da, wohl auch aus Verantwortung für die eigene Vergangenheit.

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