Berlin : Ordentlich eingeschenkt: Die besten Bars der Stadt

Das Jahr 2005 im Thekentanz-Rückblick: Bars mit Niveau liegen im Trend. Drinks wie Caipirinha sollte man dort aber nicht ordern.

Frank Jansen

Dieses Jahr war, sagen wir es mal so, zartbitter. Das elegant drinking wurde eher dezent durch neue Bars bereichert und musste einen herben Verlust ertragen. Die Galerie Bremer ist nicht mehr. Nach 50 (!) Jahren hat Rudolf van der Lak, der grand old man der Berliner Barkultur, sein Hinterzimmerlokal geschlossen. Kein Gin Rickey mehr am abgeschabten Tresen, kein East of Eden, einem Sprengsatz aus Himbeergeist, Wodka, Whisky, Apricot Brandy, Cointreau und Sekt, der auch den härtesten Snob zum Männlein dimmte. Und wo hört man jetzt das Klack-klack-klack-Gelächter des Meisters, kongenial zum Geflatter Berliner Prominenter, die sich hier auch wohl fühlten? Fini, perdu. Gegen so viel Schmerz hilft nur ein staubtrockener Martini.

Für den Aufbau von Tradition sind jetzt andere zuständig. Seit Mitte der neunziger Jahre hat sich eine Art Off-Bar-Szene gebildet, die sich abgrenzt von der Effekthascherei etablierter Cocktailschänken, vor allem in den großen Hotels. Green Door, Riva, Victoria-Bar, Windhorst, Reingold – sie und einige andere sind die legitimen Nachfolger der Galerie Bremer. Und es scheint, als hielte das Off-Bar-Spektrum sein Niveau. Weil Betreiber und Keeper, manchmal dieselbe Person, die Philosophie des elegant drinking pflegen, nicht nur den Umsatz. Hier werden Cocktails komponiert, selbst wenn die Zeit knapp wird, weil die Fans schon fast den Tresen eindrücken.

Und was hat Berlin in diesem Jahr getrunken? Die üblichen Modecocktails, so scheint es, haben an Popularität verloren. Natürlich wird immer noch reichlich Mai Tai, Caipirinha und Cosmopolitan geordert. Aber 2005 kam offenbar kein Drink hinzu, der halb Berlin und alle Touristen verzückte. Ist auch besser. Denn die „Caipi“-Inflation, zum Beispiel, treibt inzwischen einige der auf Vielfalt geeichten Profikeeper in die Verzweiflung.

Ein neuer Trend, der sich in den USA ankündigt – wo sonst? – hat es noch nicht nach Berlin geschafft. Vielleicht sind es die Nachwehen von Hartz IV oder der angsteinflößende Wahlerfolg der Linkspartei (die trinken doch nur Radeberger, oder?), jedenfalls gibt es so etwas wie Ruby Red bislang nur in Chicago. Die Rezeptur von Barmann Pete Gugni klingt erst mal harmlos: Wodka, Cognac, Orangensaft, Granatapfellikör und einen dash Champagner der Marke Dom Perignon. Schon teuer, aber nicht sensationell. Doch es etwas Kleines hinzu: ein Rubin. Gugni berechnet für Ruby Red 950 Dollar. Das sind knapp 800 Euro. Mal sehen, welches Berliner Etablissement sich als erstes traut, seine Gäste mit solchen Preisen und Pretiosen zu konfrontieren. Der drinking man tippt hoch spekulativ auf einschlägige Bars an Lützowplatz und Gendarmenmarkt. Und rät vorsorglich zur Fabrikation unübersehbarer Hinweisschilder mit der Warnung, den ultraharten Rubin keinesfalls zu schlucken. Oder ihn, wegen der schönen roten Farbe, wie eine Cocktailkirsche anzubeißen.

Und wehe, eine Bar wagt es, heimlich Rubine gegen Glasperlen auszutauschen.

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