Ortsbesichtigung nach Unfällen auf S-Bahngleisen : Treppe in den Tod

Der Zugang in den Unfalltunnel an der Yorckstraße ist einfach zu finden. Und eine Sicherung ist schwer. Der Weg muss für Rettungskräfte frei sein.

Frank Bachner/Klaus Kurpjuweit
Nicht nur Rettungsweg. Die Treppe (re.) dient der Evakuierung. Doch Kinder kletterten hier zu den Gleisen.
Nicht nur Rettungsweg. Die Treppe (re.) dient der Evakuierung. Doch Kinder kletterten hier zu den Gleisen.Foto: Kai-Uwe Heinrich

Der Weg in den Tod führt vorbei an kruden Botschaften. „ARC b.LARP“ und „BISC“, verschnörkelt geschrieben, weiß auf schwarz oder auch dunkelblau auf weiß. Graffiti, auf eine meterhohe Betonwand gesprayt. 100 Meter weiter liegt der S-Bahnhof Yorckstraße, drei Meter tiefer liegen die Gleise. Direkt an der Betonwand, nur durch ein brusthohes Eisengeländer getrennt, führt eine Treppe zu den Gleisen. 24 Stufen insgesamt, nicht mal einen Meter neben dem Treppenabsatz rauscht die S-Bahn vorbei. Zentimeter weiter beginnt ein Tunnel.

Hier war der 13-Jährige vom Sog erfasst worden

Dort lagen die Münzen, die ein 13- und ein 14-Jähriger am Montag auf den Gleisen platziert hatten, hier starb der Jüngere, weil er vermutlich vom Sog eines vorbeifahrenden Zuges erfasst und durch die Wucht des Aufpralls tödlich verletzt worden war. Der 14-Jährige war zuvor nach Hause gegangen.

Trampelpfad durch Abenteuergelände

Die Treppe ist wichtig, sie dient zur Rettung von Fahrgästen, wenn diese bei einem Notfall aus dem Tunnel geholt werden müssen. Man kann die Treppe nicht einfach absperren und sichern. Andererseits: Jeder, der willens und in der Lage ist, kann auf ihr zu den Gleisen gelangen. Ein Trampelpfad hinter einem Baumarkt führt zu ihr. Er führt durch wild wuchernde Natur, dazwischen liegen noch alte Autoreifen und Altmetall. Ein idealer Abenteuerspielplatz für unternehmungslustige Jugendliche. Wenn man ihn mal entdeckt hat, den Trampelpfad, ist man in 30 Sekunden auf der Betonplattform über den Gleisen und der Mauer mit den Graffiti.

Es ist ein Dilemma: Wie hält man Rettungswege frei und verhindert gleichzeitig, dass Kinder und Jugendliche beim Toben quasi ungehindert an die Gleise kommen und hier neue Spielformen entdecken? Der 2006 eröffnete Nord-Süd-Tunnel der Fern- und Regionalbahn ist nach Angaben der Bahn mit Überwachungskameras und Bewegungsmeldern ausgestattet. Wie häufig dort Unberechtigte in den Tunnel gelangt sind, konnte die Bahn am Donnerstag nicht sagen. Angaben, ob und wie alte Anlagen gesichert sind, könne man erst nach dem Wochenende machen. Notausstiege, über die man auch in Tunnel gelangen kann, seien gegen ein Öffnen von außen mit einem Verschluss gesichert. Er sei aber nicht unüberwindbar, da die Ausgänge in Notfällen von der Feuerwehr geöffnet werden müssten, sagte ein Bahnsprecher.

So viele Kinder wie nie auf den Gleisen

Am Mittwoch hatte ein Triebfahrzeugführer erneut Kinder im Tunnel fast an der Unfallstelle entdeckt. Bei der Suche wurde niemand gefunden. Der S-Bahn-Verkehr war mehr als eine halbe Stunde unterbrochen.

Acht Einzelfälle stellte die Bundespolizei am Mittwoch fest. „So viele an einem Tag hatten wir noch nie“, sagte Meik Gauer, Pressesprecher der Bundespolizei. Am S-Bahnhof Neukölln wurde eine Frau auf den Gleisen gesehen. Die 24-Jährige konnte zunächst flüchten, wurde kurz darauf aber von Beamten aufgegriffen. An der Wollankstraße wurden zwei Jugendliche auf den Gleisen ertappt.

Zwischen den Bahnhöfen Bornholmer Straße und Gesundbrunnen hatten Bundespolizisten zwei Kinder im Alter von 8 und 11 Jahren gesehen. Sie legten Steine auf die Gleise. Ein Zug wurde beim Überrollen der Hindernisse so stark beschädigt, dass er repariert werden muss. Der Zugverkehr musste hier 30 Minuten unterbrochen werden.

Warnung vor verborgenen Gefahren

Einen Polizeieinsatz mit Blaulicht und Sirene gab es auch auf dem Ring und an der Feuerbachstraße in Friedenau. Auch hier hielten sich Personen auf den Gleisen auf. Es gibt zwar keine Statistik über solche Vorfälle, „aber wir stellen fest, dass die Zahl zunimmt“, sagte Gauer. Die Bundespolizei warnt vor dem Betreten von Bahnanlagen. Denn die Bremswege der Züge seien mitunter sehr lang, zudem könne die Sogwirkung enorm sein. Personen, die sich zu nah am Gleis aufhalten, können mitgerissen werden oder das Gleichgewicht verlieren.

Beim Tunnel an der Yorckstraße hilft nur der Appell an den gesunden Menschenverstand. Der einzig wirklich gesicherte Bereich in diesem Areal ist der Metallzaun um das Freiluftlager des Baumarkts. Der Zaun ist nicht bloß vier Meter hoch, er ist auch noch mit Nato-Stacheldraht drapiert.

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