Berlin : Ostalgie der ganz anderen Art

Die Bluesmessen der Samariterkirche sind legendär. In den 80ern trafen sich hier Jugendliche, die nicht ins DDR-Schema passten. Heute gibt es ein Revival

Sven Scherz-Schade

Holly trägt noch immer lange Haare und Rauschebart. „Meine Haarpracht war genauso wie mein Blues im offiziellen SED-Staat unerwünscht“, erinnert sich der heute 55-jährige Gitarrist. Deshalb konnte Günther „Holly“ Holwas damals nur in privaten Wohnungen auftreten. Er wollte aber ein Benefiz-Konzert für Kinder geben und suchte dafür einen Aufführungsort und stieß dabei auf einen Jugendpfarrer namens Rainer Eppelmann, der seine Samariterkirche dafür öffnete. Die Bluesmessen waren geboren, legendäre Alternativ-Veranstaltungen, an die heute Abend in der Samariterkirche noch einmal erinnert wird.

„Holly sagte, er würde mir gerne die Kirche voll machen“, erinnert sich Eppelmann. Der Theologe und spätere Politiker war wie Holly selbst Bausoldat gewesen. Aus seinem sozial-diakonischen Verständnis wollte Eppelmann – wie einige der jüngeren Pfarrer damals auch – jene Jugendlichen ansprechen, die sich nicht dem DDR-System anpassen wollten. Ein reines Blueskonzert allerdings hätte die Staatssicherheit auf den Plan gerufen. Deshalb bereiteten die Pfarrer für den 1. Juni 1979 einen Jugendgottesdienst vor, bei welchem Holly auftrat. Über zweihundert Langhaarige kamen. Sie trugen Parkas, Jeans und ließen Flaschen mit Rotwein- oder Schnaps kreisen. Menschen, die sonst nichts mit Kirche zu tun hatten, waren gekommen.

Die staatlichen Stellen nahmen den Gottesdienst zur Kenntnis. Sie monierten lediglich, dass in der letzten Dreiviertelstunde kein biblischer Text mehr vorgetragen worden sei. Das änderte sich bei den Gottesdiensten ab 1980, die dann Bluesmessen hießen und mehrere Tausend Besucher hatten. In Klagepsalmen wurden die ungerechten Machtverhältnisse der DDR kritisiert. Zwischen den Musikpausen gab es Sketche. „Da fühlte sich der Staat provoziert“, sagt Dirk Moldt, der früher als Schüler die Bluesmessen besuchte und heute zu dem Thema forscht. Aus Platzgründen verlegte man die Bluesmesse in die Lichtenberger Erlöserkirche, wo am 14. November 1980 über 4000 Jugendliche kamen – und zahlreiche Spitzel der Stasi.

„Die Liturgie mit Andacht und Predigt musste unbedingt eingehalten werden“, sagt Moldt, „damit die Veranstaltung in Regie der Kirche blieb.“ Die Musik zog ein großes Publikum an. Dadurch hatten auch oppositionelle Basisgruppen Zulauf, die sich in Kirchenräumen trafen.

Die Bluesmessen gingen noch bis 1986 weiter, so dass es insgesamt 20 Gottesdienste waren, die mehr als 50000 Besucher erreichten. Dass zu den letzten nur noch tausend Jugendliche kamen und dass sie schließlich ganz eingestellt wurden, hat unterschiedliche Gründe. Blues hatte sich als Musik mittlerweile abgenutzt und wurde in der Jugendszene vom offensiveren Punk verdrängt. Die wenigen ehrenamtlichen Helfer der Kirchengemeinden konnten nicht mehr für die Sicherheit garantieren, die derartige Massenveranstaltungen verlangten. Schließlich drohte der politische Unmut jedes Mal zu eskalieren. Außerdem stand 1987 der Kirchentag bevor. Hierzu verlangte der Staat von der Kirche „Wohlverhalten“, so dass auch die Amtskirche am provokativen Potenzial der Bluesmessen kein Interesse mehr hatte. Trotzdem waren für den Experten Dirk Moldt die Bluesmessen deshalb der Anfang vom Ende der DDR.

Das sieht Holly ganz anders. „Dann wär ich ja ein Held. Aber ich bin doch keiner!“ Holly wollte nur seine Musik machen. Für einen großen Künstler hat er sich selbst nie gehalten. Weil er als Regimegegner galt, entzog ihm die DDR im Juni 1981 die Spielerlaubnis. Die Stasi bedrohte ihn und seine Kinder. Schließlich stellte Holly Ausreiseantrag und zog nach Kanada. Nach drei Herzinfarkten rieten ihm Ärzte in Toronto zu einer Herztransplantation. Deshalb kehrte Holly 1998 nach Berlin zurück, wo er seitdem auf eine Organspende wartet.

Heute Abend wird es nun ein Revival geben. Anlass dazu ist das 111-jährige Bestehen der Samariterkirche. Holly hat dazu eine All-Stars-Band mit Leuten von damals zusammengestellt. Auch werden Sketche aufgeführt, die unter anderem mit Eppelmann und ehemaligen Kollegen original besetzt sein werden. Wenn dann noch einige ihren Alkohol an der „Schnapsgarderobe“ abgeben müssen oder über Mikrofon gefragt wird, ob auch alle „unsere nicht-kirchlichen Freunde heute in der Kirche“ sind, dürfte Ostalgie der anderen Art aufkommen.

18 Uhr Multimedia-Schau zur Geschichte der Blues-Messe von Dirk Moldt, 18:45 Uhr Diskussion mit Rainer Eppelmann, Ralf Hirsch, Lorenz Postler u.a., 20 Uhr Blues-Konzert: All-Stars mit Musikern der ersten Bluesmessen. Samariterkirche Friedrichshain, Samariterplatz.

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