Berlin : Otto Kittel (Geb. 1904)

Alles, was er brauchte, lag so nah, Rosen und Stauden, Gräser und Azaleen.

Sandra Stalinski

Ein großer Garten im Vordergrund füllt zwei Drittel des Bildes. Hinten steht ein kleines weißes Haus, vor dem ein Mann eine Schubkarre schiebt. Das ist der Blick des Enkels, der das Aquarell gemalt hat, auf Otto Kittel. Er kannte den Großvater arbeitend.

Dass Otto Gärtner werden würde, hatte sich früh entschieden. Der strenge Vater erwartete von seinen Kindern, dass sie anpackten. Otto, der zweitälteste von sieben, mochte die Arbeit im Freien, säte und zog Gemüse. Ein Freund der Familie beobachtete ihn: „Ich würde ihn Gärtner werden lassen, der hat das Zeug dazu.“

Mit 14 begann Otto Kittel eine Gärtnerlehre in Merseburg. Danach führten ihn verschiedene Anstellungen in die Nähe von Leipzig, ins Vogtland und nach Thüringen, wo er an der höheren Lehranstalt für Garten- und Landschaftsbau „staatlich geprüfter Gartentechniker“ wurde. Ende der zwanziger Jahre verschlug es ihn nach Berlin. 1932 machte er sich selbstständig, seither gab es nur noch die Firma. Otto Kittel begann morgens um sechs mit der Arbeit und war am Abend der Letzte, der den Betrieb verließ.

Im Krieg hat ihm der Gartenbau möglicherweise das Leben gerettet. Seine Firma erhielt den Auftrag, am Flughafen Tempelhof große Bäume zu pflanzen – zur Tarnung. Eingezogen hat man ihn deshalb erst sehr spät. Dass er nicht an die gefährliche Front musste, verdankte er einem früheren Chef. Der kannte Kittels Vorgesetzten bei der Wehrmacht und legte ein gutes Wort für ihn ein.

Nach dem Krieg, gleich 1945, ging es weiter mit dem Gartenbau. Das Familienleben spielte daneben keine große Rolle. Selbst beim Mittagessen war das einzige Thema das Geschäft. Die Firma beschäftigte bald über 100 Leute. Als der Chef mit seiner Frau mal auf dem Weg in die Oper, herausgeputzt in Smoking und Abendkleid, am Hansaviertel vorbeikam, hielt er an, weil sein Betrieb dort für Büsche und Bäume zuständig war. Im Nu hatte er die Jacke ausgezogen und die Schippe in der Hand.

Ein einziges Mal hatte nicht der Landschaftsbau Priorität in Otto Kittels Leben: als seine Frau an Krebs erkrankte. Es blieb nicht mehr viel Zeit, sagten die Ärzte, vielleicht ein Jahr. Da fuhr er jeden Tag zu ihr ins Krankenhaus und ließ die Arbeit liegen, all die Monate. Wie sehr ihn das mitnahm, versuchte er niemanden merken zu lassen.

Mit 93 Jahren übergab er die Firma an einen Neffen. Aus den Händen ließ er sie noch lange nicht: Fast täglich war er da, fragte nach den Projekten, die er selbst noch begonnen hatte, ließ sich hinfahren, um zu prüfen, ob das Grün noch jenes war, das er gewollt hatte. In ganz West-Berlin war er unterwegs. Für die Grünflächen des Olympiastadions war er zuständig gewesen, für ganz Siemensstadt, 16 Mal für die Blumenhalle der Grünen Woche.

Warum er so alt geworden ist, wurde er mal von Reportern gefragt: „Na, weil ich immer gearbeitet habe“, war die schnelle Antwort. Von der Dankeskarte zum 100. Geburtstag lächelt ein zufriedener Mann mit weichen Gesichtszügen. „Ich weiß gar nicht, was du alles brauchst“, wunderte er sich, als seine Tochter davon sprach, Reisen unternehmen zu wollen, nichts Großartiges, an die Ostsee vielleicht oder nach Bayern. Alles was er brauchte, lag so nah, Rosen und Stauden, Gräser und Azaleen. Mit über 90 schrieb er seinen „beruflichen Werdegang“ auf: An jede Staude erinnerte er sich, ebenso wie an die Herkunft gelber Natursteine für eine Stützmauer in Lichterfelde. Mit 102 Jahren, fast erblindet, kannte er jeden Strauch in seiner Umgebung. Beim Spaziergang dozierte er, wo welche Pflanze stand und wie sie gerade blühte.

Otto Kittels Grünanlagen entsprachen genauen Plänen. Auch sein Leben schien einem solchen zu folgen. Die Bestattung, so hatte er es verfügt, sollte im engsten Familienkreis stattfinden, zwischen 10 und 12 Uhr 30, den Text für die Todesanzeige und die Danksagungen hatte er aufgesetzt, zwei Lieder sollten gespielt werden, das „Ave Maria“ und zum Schluss: „So nimm denn meine Hände“. Sandra Stalinski

0 Kommentare

Neuester Kommentar