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Paketbombe in Potsdam : Erpressung gegen DHL statt Terror

Die in Potsdam entdeckte Paketbombe ist Teil einer Millionenerpressung gegen DHL. Ein QR-Code in der Bombe führte die Ermittler zur im Internet hinterlegten Forderung.

Die DHL-Packstation an der Kantstraße Ecke Roseggerstraße in Potsdam (Brandenburg), in der die Paketbombe aufgegeben wurde.
Die DHL-Packstation an der Kantstraße Ecke Roseggerstraße in Potsdam (Brandenburg), in der die Paketbombe aufgegeben wurde.Foto: dpa/Gregor Fischer

Der kleine Zettel war in „Hunderte von Einzelteilen“ zerrissen und teilweise verbrannt. Schließlich befand er sich in dem Paket, das die Bundespolizei am Freitagnachmittag am Potsdamer Weihnachtsmarkt kontrolliert entschärft hatte – mittels Wasserschneider. Doch in weniger als 48 Stunden, so schilderte es Brandenburgs Polizeipräsident Hans-Jürgen Mörke bei der am Sonntag eilig einberufenen Pressekonferenz in Potsdam, hatten die Kriminaltechniker der Ermittlungsgruppe „Luise“ das Papier wieder zusammengesetzt. Sie fanden einen QR-Code, der zu einem im Internet hinterlegten Erpresserschreiben gegen den Paketdienst DHL führte.

Es ist eine Millionenforderung mitten im Weihnachtsgeschäft, verbunden mit der Drohung, weitere Paketbomben zu senden, wenn DHL nicht zahlt.

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Hinter Potsdamer Paketbombe steckt Millionenerpressung gegen DHL
Hinter Potsdamer Paketbombe steckt Millionenerpressung gegen DHL

Diese „jähe Wendung“ im Fall der Paketbombe, die am Freitag bis in den späten Abend Teile des Potsdamer Weihnachtsmarktes und der Innenstadt lahmgelegt hatte, überraschte offenbar auch den Polizeipräsidenten. Schließlich hatten am Freitag viele befürchtet, es könne sich um Terrorismus handeln – Ziel: die Weihnachtsmarktbesucher.

Polizei sucht nach Zeugen

Doch mittlerweile, so sagte es Brandenburgs Innenminister Karl-Heinz Schröter (SPD) am Sonntag, gehe man mit „an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit“ davon aus, dass nicht der Weihnachtsmarkt das Ziel war, sondern DHL. Eine solche Erpressung vor Weihnachten sei „ganz besonders verwerflich“. Brandenburgs Polizei werde „alles unternehmen, um die Täter schnell zu ermitteln“ und die Bevölkerung vor Gefahren zu bewahren.

Hinweise erhoffen sich die 25 Kriminalisten der Ermittlergruppe „Luise“ – benannt nach der Potsdamer Königin-Luise-Apotheke, an die die Paketbombe am Freitag gesendet worden war – vor allem von Zeugen, die am Donnerstagmorgen gegen 7 Uhr an der DHL-Packstation in der Kantstraße Ecke Roseggerstraße im Potsdamer Stadtteil Potsdam-West verdächtige Personen oder Fahrzeuge gesehen haben. Dort war die Paketbombe, die am Freitagmittag bei der Apotheke in der Potsdamer Innenstadt zugestellt wurde, aufgegeben worden, sagte der Polizeipräsident. Auch die erste Paketbombe, die bereits am 6. November bei einer Firma in Frankfurt/Oder ankam, sei in der Region abgesendet worden.

Erpressung wie von "Dagobert"

Der Erpresserbrief, verschlüsselt als QR-Code? So eine technische Finesse lässt Erinnerungen an den bekanntesten Berliner Erpresser der letzten Jahrzehnte wachwerden:  „Dagobert“. Arno Funke hatte das KaDeWe 1988 um 500 000 Euro erpresst. Dazu zündete er nachts im Kaufhaus eine Bombe, die hohen Schaden anrichtete. Nachdem das Geld alle war, startete Funke 1992 die nächste große Erpressung, diesmal gegen Karstadt. Da der Konzern seine Zahlungsbereitschaft in einer Zeitungsanzeige mit dem Wortlaut „Dagobert grüßt seinen Neffen“ signalisieren sollte, hatte der Erpresser seinen Spitznamen weg. Bundesweit zündete Dagobert in Kaufhäusern fünf Bomben und einen Brandsatz, die einen Millionenschaden anrichteten. Trotz der enormen kriminellen Energie verfolgte die Öffentlichkeit die Erpressung teilweise auch amüsiert. Denn der arbeitslose Schildermaler führte die Polizei bei den etwa 30 Geldübergaben immer wieder in die Irre, und zwar „durch die Raffinesse seiner technischen Konstruktionen“, wie das Internetlexikon Wikipedia schreibt. Funke hatte allerlei elektronische Apparaturen und Fernsteuerungen konstruiert. Die geforderten 1,4 Millionen Mark bekam Funke allerdings nicht, im April 1994 wurde er nach fast zwei Jahren festgenommen.

Seitdem gab es in Berlin keine „großen“ Erpressungen mehr, dafür in Brandenburg den „Maskenmann“. 2011 und 2012 wollte der Täter zwei in der Mark lebende Unternehmer erpressen – mit Mordanschlägen und einer Entführung. In einem spektakulären Indizienprozess wurde Mario K. 2015 zu lebenslanger Haft verurteilt. 2007 war die Deutsche Bahn erpresst worden, die Ermittlungen führte die Berliner Staatsanwaltschaft, da der Konzern hier seinen Sitz hat. Der Täter wohnte in Niedersachsen, wo er auch festgenommen wurde. Immer wieder wurden in Deutschland in den vergangenen Jahren Lebensmittelkonzerne oder -händler erpresst. Soweit die Täter gefasst wurden, stammten sie nicht aus Berlin.

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