Papstrede im Bundestag : Von wegen "Sternstunde des Parlaments"

Was ist dagegen einzuwenden, dass der Papst in Deutschland nach seinen Schäfchen schaut? Nichts, meint unsere Autorin Hatice Akyün. Aber dass die Rede von Benedikt XVI. eine Sternstunde des deutschen Parlaments sein soll, kann sie dann doch nicht nachvollziehen.

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Hatice Akyün.
Hatice Akyün.Foto: Andre Rival

Vielleicht ist es ein Zeichen, dass der Papst, der diese Woche Deutschland besucht, mit der Fluggesellschaft Alitalia anreist. Alitalia könnte auch die Abkürzung sein für: Always late in Take off and late in Arrival – immer zu spät bei Starts und Landungen. Das passt zur katholischen Kirche, die sich schwer damit tut, gesellschaftliche Entwicklungen anzuerkennen. Vielleicht auch ein Grund dafür, weshalb allein im letzten Jahr in Deutschland 180 000 Mitglieder ausgetreten sind.

Ja und, möchte man sagen, soll er doch kommen. Garantiert mir doch mein Grundgesetz die Religionsfreiheit. Was ist dagegen einzuwenden, dass der Papst in Deutschland nach seinen Schäfchen schaut? Ich habe nichts gegen Religionen, da halte ich es wie der Alte Fritz: „Alle Religionen seindt gleich und guht, wan nuhr die Leute, so sie profesieren erliche Leute seindt, und wen Türken und Heiden kähmen und wolten das Land pöbplieren, so wollen wier sie Mosqueen und Kirchen bauen.“ Ich schätze es sehr, dass mein Land Staat und Religion trennt und alle Menschen, egal woran sie glauben, dem Grundgesetz unterliegen.

Dieser Besuch nötigt Benedikt XVI. einiges an Toleranz ab. Da empfängt ihn ein Bundespräsident, ein katholischer obendrein, der geschieden ist und wieder geheiratet hat. Seine Frau bringt wie er Kinder aus vorherigen Beziehungen mit in die Ehe. Ein gemeinsames Kind haben sie auch noch. Das reicht in Einrichtungen der katholischen Kirche als Kündigungsgrund. Die katholische Kirche genießt den Sonderstatus, ihre Angestellten aus sittlich-moralischen Gründen entlassen zu dürfen. Sittlich-moralische Gründe sind übrigens nicht Mord, Totschlag oder sexueller Missbrauch, sondern Scheidung und Wiederverheiratung. Und da Kirchen zu den Tendenzbetrieben gehören, unterliegen sie nur unzureichend dem Arbeitsrecht. Man kann das auch rechtsfreie Räume nennen.

Es empfängt ihn eine geschiedene Bundeskanzlerin, eine Protestantin, deren Kirche der Papst nicht als Kirche „im eigentlichen Sinn“ anerkennt. Benedikt XVI. wird sich in das Gästebuch der Stadt Berlin eintragen, beim Regierenden Bürgermeister, dessen Schwulsein „eine objektive Störung im Aufbau der menschlichen Existenz darstellt“. Dass seine Ansichten auf Kritik stoßen, wird selbst ihn nicht wundern. Als demokratische Staatsbürgerin kann ich nicht nachvollziehen, dass der Papst im Bundestag spricht, deren Gesetzgebung er und seine Kirche immer wieder anprangern. Ich spreche vom Scheidungsrecht, von Empfängnisverhütung und Abtreibung, die er als „eine Kultur des Todes“ geißelt.

Um das Neutralitätsgebot des Grundgesetzes nicht zu verletzen, kam man auf die brillante Idee, ihn als Staatsoberhaupt sprechen zu lassen. Nun ist der Vatikanstaat die letzte absolutistische Monarchie in Europa. Der Papst selbst kann in Rechtsstreitigkeiten eingreifen und eigenmächtig Recht sprechen. Gewaltenteilung, Gleichberechtigung, sexuelle Selbstbestimmung – das alles gibt es im Vatikanstaat nicht. Wenn Unionsfraktionschef Volker Kauder gar von einer Sternstunde des Parlaments spricht, erinnert mich das an die Debatte zur Präimplantationsdiagnostik vor der Sommerpause. Das war wirklich eine. Was bleibt ist, dass die Inszenierung die Aussprache ersetzt. Oder wie mein Vater sagen würde: Hamama giren terler – wer ins Dampfbad geht, schwitzt.

Die Autorin lebt als Schriftstellerin und Journalistin in Berlin.

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