Berlin : Parlamentsumzug: Der Bundestag zieht in seinen ersten Neubau

Christian van Lessen

Die wenigen Möbelwagen, die am Montag vorm Paul-Löbe-Haus Halt machten, wirkten eher symbolisch, wie ein Druckmittel des Bundestags an die Bauleute, mit dem rund 579 Millionen Mark teuren Parlamentsgebäude - dem ersten richtigen Neubau - wirklich innerhalb der nächsten vier Wochen fertig zu werden. Noch werkeln 200 Bauarbeiter, und die Bundestagsabgeordneten und ihre Mitarbeiter tun gut daran, sich nicht blicken zu lassen. Teppichböden und Kabel müssen noch verlegt werden, Baumaterial steht überall im Weg. Es gäbe jetzt inmitten der Handwerker auch gar keinen Platz, alle rund 20 000 Umzugskartons auszupacken. Aber spätestens am 3. September muss alles montiert und möbliert sein. Dann übergibt die Bundesbaugesellschaft Berlin den ersten von drei Parlamentsneubauten an den Bundestag.

Aber es herrscht ohnehin parlamentarische Sommerpause. Das Hausinnere ist noch von Baulärm erfüllt und von Staub überzogen, erste Besucher werden ermahnt, die fertigen Büros und runden Sitzungssäle, die zu den markantesten Merkmalen des Neubaus gehören, nur mit "Füßlingen" zu betreten - Plastiktüten, die über die Schuhe gezogen werden müssen. Architekt Stephan Braunfels aber marschierte gestern gleich mit Straßenschuhen zum Sitzungssal "Süd 45", um mit Vertretern der Bundesbaugesellschaft den Neubau vorzustellen.

Da ein Bauwerk erst einmal von außen auf die Betrachter wirkt, und viele Reaktionen bislang wenig schmeichelhaft sind, nahm Braunfels ausdrücklich zur Fassade Stellung. Es sei der größte Sichtbetonbau der Stadt, aber leider nicht so hell und sauber verarbeitet, wie sich das alle gewünscht hätten. So wirke das Äußere rohbauähnlich, benötige eine aufhellende Lasur; es gebe Tricks und Mittelchen, um die Fassade kostengünstig nachzubessern, und er sei zuversichtlich, dass dies in den nächsten Jahren passieren werde. Das Parlamentshaus sieht dann zwar nicht so weiß wie das Kanzleramt aus, aber es ist heller grau. Braunfels tröstete: "Fast alle Häuser in Berlin sind grau".

Beton habe er verwendet, um den Kontrast zur sonstigen Leichtigkeit der Fassade deutlich zu machen, die zu 80 Prozent aus Glas bestehe. Dann wies er auf die inneren Werte hin. Auf die runden 22 Sitzungssäle, die den Abgerordneten anfangs sicher noch fremd vorkommen, weil sie bislang in Bonn und Berlin nur rechteckige gewohnt waren. Neu sind auch Besuchergalerien in den Sälen: Die meisten Ausschüsse werden so öffentlich sein wie nie zuvor. Je drei doppelstöckige Sitzungssäle sind in den Rotunden untergebracht. Um die verglasten Außenhöfe, die von oben kammartig wirken, gruppieren sich 510 Büros für 170 Abgeordnete, rund 450 Büros für die Ausschusssekretariate. Ein Normal-Abgeordneter hat sich mit 19,5 Quadratmetern pro Bürozimmer zu begnügen, dafür aber kann er mit seinen Mitarbeitern insgesamt drei Räume nutzen.

Ein Drittel aller Abgeordneten wird hier unterkommen. Auf der Westseite, wo das große Vordach Richtung Kanzleramt weist, richtet sich der Besucherdienst des Bundestags mit Vortragsräumen ein - bis zu drei Millionen Gäste werden im Jahr erwartet. In der großen Ost-Rotunde am anderen Ende des Baus sind zwei attraktive Restaurants in Tuchfühlung zur Spree geplant, eines für den Bundestag und eines für seine Besucher. Und über den Restaurants läßt sich von der Terrasse des Europa-Saals mit seinen über 260 Quadratmetern der beste Blick auf den Fluss und das Gegenüber genießen. Hier entsteht bis Ende nächsten Jahres das Marie-Elisabeth-Lüders-Haus, in dem wissenschaftliche Dienste und die Bibliothek untergebracht werden. Stephan Braunfels hat auch dieses Haus entworfen, der Sichtbeton sei, verglichen mit dem Paul-Löbe-Haus, "noch schlimmer", aber während der Bauphase lasse sich das korrigieren.

Grafik: Das Parlamentsviertel Viel Beton ragt auch in die achtgeschossige Halle, die den Neubau in Ost-West-Richtung durchzieht und durch große Glasflächen den Blick aufs helle Kanzleramt und die Rohbauten des Lüders-Hauses gewährt. Das glasgedeckte Rasterdach wirft bei Sonnenschein markante Schattenmuster. Die Abgeordneten und ihre Mitarbeiter werden künftig auf offenen Galerien wandeln können, sie werden einerseits auf die Spree blicken, andererseits grüne Höfe und den Reichstag vor Augen haben. Die fast 200 Meter lange Halle wäre nicht entstanden, hätte Braunfels alte Planungen verfolgt, die Bibliothek im Paul-Löbe-Haus unterzubringen.

Nun aber müssen normale Möbel und Akten untergebracht werden, 6500 Kubikmeter, rechnete die Bundestagsverwaltung aus. Schimpfende Abgeordnete werden einkalkuliert, vielen wird das Büro zu klein erscheinen. Aber es entspricht dem vom Bundestag beschlossenen Raumprogramm. Wer will, kann - wenn es geht - auch sein altes Büro behalten. Ausgerechnet der Vorsitzende der Bundestagsbaukommission, Dietmar Kansy, bleibt im Provisorium Unter den Linden. Den Blick aufs Brandenburger Tor, sagte er, habe er nicht eintauschen wollen.

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