Berlin : Party, Demo und Randale

Bei Sommerwetter feierten Zehntausende den Tag der Arbeit auf der Straße des 17. Juni und beim Kreuzberger Myfest Am Abend gab es Krawall und Festnahmen. Zu Neonazi-Kundgebungen kamen viel mehr Gegendemonstranten als Teilnehmer.

Am Abend gab es doch wieder Randale. Das Gewaltritual zum 1. Mai konnte auch in diesem Jahr nicht ganz verhindert werden. Unter Führung der amtierenden Polizeipräsidentin Margarete Koppers gingen die Einsatzkräfte massiv gegen linksradikale Randalierer vor. Es gab mehrere Festnahmen und Verletzte. Eine genaue Bilanz wird für Mittwochvormittag erwartet. Zuvor hatte die Hauptstadt einen ganzen Maifeiertag lang bei Sommerwetter, das von einzelnen Schauern unterbrochen wurde, friedlich demonstriert und gefeiert. Im Nordosten Berlins zeigten Bürgerinnen und Bürger bei einem Neonazi-Aufmarsch Flagge. Eine Chronologie der Ereignisse.

12 Uhr. Nach Polizeiangaben sind 6000 Menschen im Demonstrationszug der Gewerkschaften mitgelaufen, außerdem waren mehrere Hundert im Motorrad-, Fahrrad- oder Skaterkorso unterwegs. Inzwischen sind alle Teilnehmer auf der Straße des 17. Juni angekommen, wo sie das traditionelle Maifest der Gewerkschaften feiern. Die Veranstalter gehen von bis zu 15 000 Teilnehmern aus. Die Stimmung ist bestens, Verdi verkauft die Maracuja-Colada für 3,50 Euro.

12.40 Uhr. In der Oranienstraße laufen die Vorbereitungen für das Myfest. Der Platz um die Bühnen füllt sich langsam, Menschen sitzen auf den Bürgersteigen, essen Döner, Hähnchen, Pommes. Auf den Bühnen laufen die ersten Soundchecks. Vor einem Spätkauf verkauft eine Familie Würstchen, Kuchen und Getränke. Eigentlich müssen die Berliner Spätis am 1. Mai schließen, damit Krawallmacher dort keine Flaschen und Dosen kaufen können. Aber hier kann trotzdem einkaufen, wer hungrig oder durstig ist. Und Flaschen und Dosen gibt es auch hier nicht. Immer wieder laufen Verkäufer in den Laden, um Getränke in Plastikflaschen auf die Straße zu stellen.

12.45 Uhr. In Hellersdorf haben sich nach Polizeiangaben 60 Neonazis zu einem bescheidenen Aufmarsch eingefunden. Deutlich mehr Gegendemonstranten sind gekommen. Ihre Zahl wird im Laufe des Tages auf bis zu 350 steigen.

13.18 Uhr. Auf den Bühnen in der Naunynstraße wird bereits gerockt. Ein Sänger mit langen Haaren und schwarzem T-Shirt brüllt ins Mikrofon. Vor der Bühne tanzen zwei Punks zur Heavy-Metal-Musik, der eine trägt einen grünen, der andere einen blauen Irokesenschnitt. Direkt neben der Bühne: ein Kinderspielplatz. Dort toben und klettern die Kinder, als würden nebenan Vögel zwitschern.

13.20 Uhr. Planänderung für Neonazis. Anstatt zu Fuß geht es per U-Bahn zur nächsten Station der Kundgebung in Hellersdorf. Erst steigen die Neonazis ein. Mit der nächsten U-Bahn dürfen dann die Gegendemonstranten fahren.

13.40 Uhr. Innensenator Frank Henkel (CDU) und Margarete Koppers, amtierende Polizeipräsidentin, begutachten den Polizeieinsatz beim Neonazi-Marsch in Hellersdorf – und sind zufrieden.

14:21 Uhr. In der Oranienstraße wird die Stimmung ausgelassener: Menschen tanzen zu wummernden Bässen auf der Straße, Punks knutschen auf dem Bürgersteig. Einige Leute suchen sich besonders gemütliche Plätze: Manche sitzen an einem Obststand auf einem blauen Sofa, daneben hat es sich ein Mann in einer rostigen Badewanne bequem gemacht. Einige Anwohner reißen die Fenster auf, um das Straßenfest aus der Höhe zu beobachten.

14.28 Uhr. „Retter, dein Wort versetzt Berge, du nur allein rettest mich, du allein rettest mich“, schallt es von der Bühne am Mariannenplatz. Traditionell gehört ein Gottesdienst zum Myfest: Freikirchliche Christen beten für einen friedlichen 1. Mai. Mittlerweile sind die Gläubigen fester Bestandteil des Kreuzberger Straßenfestes – und wirken auf Außenstehende nicht minder exotisch als die kurdischen Gruppen oder die jungen Linken, die für den „Marx ist Muss“-Kongress werben. Auf der Bühne stellen die Christen die Kreuzigung Jesu nach, ein Schauspieler schreit aus voller Kehle, bricht dann zusammen. Eine TV-Reporterin im Publikum ist entsetzt, an einem Marktstand diskutieren Gewerkschafter, ob „diese Christen“ noch unter Religionsfreiheit fallen. Pastor Paul Nogossek bekommt davon nichts mit. „Wo ist Jesus im Sudan?“, fragt er. „Wo ist Jesus in Nordkorea? Wo ist er in dem Wahnsinn, den ich erlebe?“ Dann, etwas überraschend: „Weil das ein heiliger Platz ist, will ich die Schuhe ausziehen. In heiligen Momenten muss man sich die Schuhe ausziehen.“ Das macht der Pastor dann auch – und springt von der Bühne. Barfuß predigt er im Publikum weiter. Als er von der Auferstehung Jesu spricht, steht auch der Schauspieler auf der Bühne auf. Die rund 250 Christen davor klatschen spontan Beifall und rufen „Amen!“. Dann ein stilles Gebet, gut zehn Minuten lang. In kleinen Gruppen stehen die Gläubigen beieinander, beten für die Einsatzkräfte und das Miteinander der Kulturen. Und dafür, dass es friedlich bleibt.

15 Uhr. Auf dem Mariannenplatz tanzen junge Menschen zu traditioneller türkischer Musik. Sie bilden zwei riesige Kreise, haken sich am kleinen Finger unter, tanzen vor und wieder zurück. Am Rand stehen ältere Leute und schauen dem Treiben amüsiert zu. Passanten gehen vorüber, sie tragen grüne Luftballons mit der Aufschrift „Multi ist kulti“.

15.55 Uhr. Bis zur „Revolutionären 1. Mai Demo“ sind es noch ein paar Stunden, aber die Polizei trifft vor allem rund um das Springer-Hochhaus Vorbereitungen. Denn der Protestzug, der sich ab 18 Uhr vom Myfest aus Richtung Bebelplatz in Bewegung setzen wird, zieht auch nahe dem Springer-Verlag vorbei. Das könnte einer der heiklen Punkte der Demo sein, weshalb die Polizei in den Seitenstraßen Räumpanzer stehen hat. Auch Absperrgitter sind errichtet.

16.10 Uhr. Der Mann mit der vielleicht schlauesten Geschäftsidee an diesem sommerlichen Tag steht auf dem Mariannenplatz und verkauft Sonnenbrillen für 1,90 Euro pro Stück. Die Besucher des Myfests drängen sich um seinen Stand, setzen sich verschiedene Modelle auf die Nase. Bewundern können sie ihre Wahl in einem abmontierten Autorückspiegel.

16.40 Uhr. Dritte Station der Neonazis: Hohenschönhausen. Von den Rechtsextremisten kommen nicht mal die üblichen Parolen. Vielen ist es schlicht zu warm. Die Kundgebung geht in aller Stille zu Ende.

17.02 Uhr. Man könnte meinen, es brennt – doch das sind nur die Rauchschwaden der vielen Grills beim Myfest.

17.36 Uhr. Die ersten Störer treten auf: Etwa 100 Demonstranten haben sich versammelt mit Pappschildern, auf denen steht: „Wem gehört Kreuzberg?“ Darunter sind verschiedene Kieze aufgezählt. Die Protestierer ziehen quer über das Myfest und durchbrechen eine Polizeikette am Leuschnerdamm, ohne dass es zunächst zu weiteren Auseinandersetzungen kommt. Der Zug ist auf mehr als 1000 Personen angewachsen und wird von Polizisten in Zivil begleitet. Die Spontandemo und ein plötzlich einsetzender Platzregen bringen den Zeitplan durcheinander. Der für 18 Uhr geplante Start der offiziellen „Revolutionären 1. Mai Demonstration“ verzögert sich.

19.20 Uhr. Die „Revolutionäre 1. Mai Demonstration“ ist gestartet – mit 80 Minuten Verspätung. In der ersten Reihe sammeln sich vom Lausitzer Platz an die Autonomen. Sie tragen ein Transparent vor sich her, auf dem steht: „25 Jahre: Der Druck steigt - Für die soziale Revolution“. Eine Anspielung auf die ersten schweren Kreuzberger Krawalle 1987.

19.29 Uhr. Der Demonstrationszug stoppt. Denn südlich der U-Bahn geht es auf den Dächern heiß her. Autonome haben sich auf den Dächern versammelt und zünden Feuerwerk, Böller und Rauchbomben. Ein Balkon in der Skalitzer Straße gerät durch Pyrotechnik in Brand. Autonome haben auf den Häusern Transparente entrollt. „Revolution Action“ steht da zum Beispiel darauf. Die Autonomen skandieren mit hochgestreckten Fäusten „Anti-, Anticapitalista“. Auffällig ist ohnehin, dass die Sprechchöre immer internationaler werden. Es sind kaum deutsche Parolen zu hören. Viele Eventtouristen haben sich zum 1. Mai auf den Weg nach Berlin gemacht.

20.48 Uhr. Der Demonstrationszug ist am Axel-Springer-Haus vorbeigezogen. Rauchbomben und Böller werden gezündet, doch der hier befürchtete große Knall bleibt aus. Am Ende des Zuges hat die Polizei indes ihre Präsenz verdoppelt. Auch die amtierende Polizeipräsidentin Margarete Koppers ist direkt vor Ort bei den Einsatzkräften. Der Abend ist eine Bewährungsprobe für Koppers und ihre möglichen Ambitionen, dauerhaft Chefin der Berliner Polizei zu werden.

20.55 Uhr. An der Spitze des Zugs in der Nähe des Jüdischen Museums liefern sich Polizei und Protestler Auseinandersetzungen. Die Polizei hat den Zug gestoppt und greift reihenweise Autonome heraus. Es fliegen Steine und Blumentöpfe. Ein Müllcontainer brennt, Bauzäune werden umgeworfen. Die Polizei geht nun massiv gegen den „Schwarzen Block“ vor.

21.15 Uhr. Die Demo ist aufgelöst. In der Nähe des Jüdischen Museums hat sich der Zug festgelaufen, es fliegen Steine und Flaschen. Die Polizei hat die Demonstranten eingekesselt, nur Grüppchen dürfen die Polizeikette passieren. Die Stimmung unter den Protestlern heizt sich weiter auf. Derweil werden vor dem Jüdischen Museum die Scheiben eines Polizei-Wächterhäuschens eingeschlagen. Während der Demonstration ist außerdem eine Sparkassen-Filiale in der Nähe des Kottbusser Tors angegriffen worden. Fensterscheiben sind zu Bruch gegangen. Vor einer Shell-Tankstelle wurden Polizisten attackiert. Besonders in Mitleidenschaft gezogen wurden ein Supermarkt und eine Aral-Tankstelle in der Ritterstraße. Plünderungen im Supermarkt, zu denen Gerüchte beim Kurzmeldungsdienst Twitter aufkamen, hat es laut Polizei nicht gegeben.

22.30 Uhr Auf dem Myfest feiern die Kreuzberger und ihre Gäste weiter. Die Polizei schätzt die Menge auf rund 20 000 Menschen.

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