Partykultur in Berlin : Am Ostbahnhof entsteht die Bar25 als Dorf

Bald ist es soweit: Am 1. Mai steigt die große Eröffnungsfeier der Holzmarkt-Genossenschaft. Ein Besuch am Ort der früheren Clubs Bar25 und Kater Holzig.

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Endspurt. „Die Bar ist tot“ steht noch immer auf dem Holzzaun vor dem Gelände.
Endspurt. „Die Bar ist tot“ steht noch immer auf dem Holzzaun vor dem Gelände.Fotos. Thilo Rückeis

Die Realität ist der mächtigste Gegner der Utopie, um nicht zu sagen: des Schwärmers. Das sind die unverwüstlichen Berliner Kreativen, die an der Spree 2004 die Bar25 und später den Kater Holzig erbauten, gewiss nicht, zumal sie ihre Spielwiesen des spätkapitalistischen Hedonismus recht bald zu mittelständischen Gewerbebetrieben machten. Umso erstaunlicher darum das schon mal aufgekommene Vorurteil, wonach sie das mit dem eigenen Grundstück am Holzmarkt in Mitte eh nicht wuppen könnten.

Nun: Es wird – und es ist schon so weit gediehen, dass in gut zwei Wochen die große Eröffnungsparty steigt – und wenn sich überhaupt wer aufs Feiern versteht, dann wohl die Genossen der Holzmarkt e. G., schließlich haben sie damit ja nie wirklich ganz aufgehört: Der Kater Blau, ihr Club auf dem neuen Grundstück, das mal der Stadtreinigung gehörte, ist seit Jahren offen. Das umgezogene, neueröffnete Restaurant Katerschmaus seit Kurzem. Es bietet Platz für 140 Gäste und sogar einen Mittagstisch. Mit Fleisch erster Güte von Lieferanten, die sich selbst mit 25.000 Euro in die Genossenschaft eingekauft haben.

DIE BAR IST TOT - aber nicht mehr lange.
DIE BAR IST TOT - aber nicht mehr lange.Fotot: Thilo Rückeis

Eine Eiche zum richten und eine Linde zum Versöhnen

Sogar die Eiche ist auf dem Marktplatz schon gepflanzt – die Deutsche Eiche? Juval Dieziger, Mitbegründer der Genossenschaft und selbst aus der Schweiz, winkt ab: „Unter der Eiche sprach der Richter im Dorf das Urteil und unter der Linde versöhnte man sich.“ Die Linde wird noch gepflanzt. Die große Versöhnung aller mit allen dürfte spätestens dann auch vollzogen sein. Zumal Streit auf keiner Baustelle ausbleibt, schon gar nicht, wenn wie hier der ganz große Traum eines anderen Lebens Maßstab ist.

Tomaten, Erdbeeren und Kohlrabi haben sie im „Mörchenpark“ im vergangenen Jahr geerntet – aber zur Versorgung des Restaurants mit Gemüse reicht der Acker bei Weitem nicht. „Gute Bioprodukte gibt es eher in der Umgebung von Berlin“, sagt Dieziger. Schöne Baustoffe auch, und die Genossen schwärmten häufiger aus, um alte Scheunensteine und Pflaster aus dem Umland einzukaufen, aus denen sie Teile der Häuser am Marktplatz gemauert haben. Aber sie haben auch schwarzen Schiefer aus dem Harz integriert, rote Bleche, die an die windschiefen Buden aus der Kater-Holzig-Zeit erinnern. Dazwischen ist Beton zu sehen und weiß verputztes Mauerwerk.

Brandschutz verhindert Holzdorf

Nur die obersten Geschosse sind aus Holz. Einem ganzen Holzdorf, wie ursprünglich mal erträumt, stand der deutsche Brandschutz entgegen – war deswegen nicht auch was mit dem BER? Überhaupt stellten die technischen Anlagen die Geduld und das ästhetische Empfinden der Genossen auf eine harte Probe, es musste nachgerüstet und improvisiert werden. Von „wöchentlichen Marathon-Sitzungen“ erzählt Dieziger, „lobt“ die Baufirma über den grünen Klee, sagt dann aber auch: „Die sind froh, wenn sie die Baustelle verlassen dürfen“.

Vor einer Holzhütte richtet ein Handwerker mit der Kettensäge die Türzarge. Drinnen sieht Mattis Harpreing nach dem Rechten. Der Mittzwanziger ist sein eigenes Start-up und wird die Vollkorn-Bäckerei betreiben, die das Restaurant versorgt und den zweimal wöchentlich stattfindenden Markt. Nebenan in den Neubauten sind ein Weinladen und die Patisserie von Sarah Klausen schon eingerichtet. Nur noch der Platz muss geräumt und fertig werden.

Das Dorf nimmt Gestalt an.
Das Dorf nimmt Gestalt an.Foto: Thilo Rückeis

Feinkostdorf neben dem Rewe im Ostbahnhof

Für die Nachbarn in den Plattenbauten wird es ein Gewinn: Sonst gibt es im Quartier nur einen Rewe im Ostbahnhof, hier ein ganzes Feinkost-Dorf. Die Jugendlichen kommen jetzt schon rüber, um auf dem Trampolin zu toben in der „Pampa“, wie die provisorische Bretterbude weiter östlich auf dem Gelände genannt wird.

Was sich geändert hat mit dem Wechsel der Location? Die „finanzielle Verantwortung“ und dass am Holzmarkt ein öffentlicher Ort entstehe, für den die Genossenschaft eben auch die Verantwortung trage, sagt Dieziger. Die Genossen zahlen gleichsam den Preis dafür, dass sie erstmals nicht mehr spontan das Erschaffene wieder verlieren, wie einst die Bar 25 oder den Kater Holzig.

Auch für kulturellen Kommerz wird gesorgt sein

Dafür müssen sie aber Zinsen erwirtschaften, die die Genossen erwarten. Das Geld kommt aus der Vermietung der rund 10.000 Quadratmeter am Ort, des „Sälchens“ zum Beispiel, ein gedrungener grauer Block am Rande des Grundstücks, in dem Konzerte und Lesungen stattfinden. Obendrauf gibt es ein Dojo für Yoga und andere Körperkünste. Die Räume am Dorfplatz sind als Ateliers an Künstler vermietet oder Probebühne für Theater. Und vor der „Pampa“ gibt es einen gelben DDR-Container, wo sich junge Bands vor Publikum erproben und als Honorar ein Video erhalten, um auf YouTube Clicks zu sammeln.

Hier geht eben noch was, nicht ganz abseits des Mainstreams, aber es geht.

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