Berlin : Patent drauf

Sabine Enders, Professorin, erforscht an der TU Möglichkeiten der Wärmelehre – für Pharmakonzerne. Dafür kam sie nach Berlin

Anja Kühne

Schmerzen? Manchmal kann es gar nicht schnell genug gehen, bis die Tablette sich im Wasserglas auflöst, sprudelnd oder einfach nur zerbröselnd. Und bis das Medikament endlich seine Wirkung im Körper entfaltet, die Pein nachlässt. Wenn Sabine Enders einer Schmerztablette im Wasser zusieht, treiben sie Fragen um wie diese: Wie lässt sich der Wirkstoff, also etwa das Aspirin, am besten transportieren, damit er sich im Wasser gut löst? Und wie muss die Arznei chemisch verpackt sein, damit sie im Körper nach der Einnahme nicht schlagartig frei wird, sondern kontinuierlich?

Sabine Enders ist Professorin für Thermodynamik, also für Wärmelehre, und thermische Verfahrenstechnik an der TU Berlin. Seit einem Jahr forscht die 41-Jährige – eine von zwei Frauen bundesweit, die einen Lehrstuhl in der Thermodynamik innehaben – an dieser Schnittstelle zur Medizin. Berlin sei dafür ein guter Ort. „Es hat ein sehr attraktives Umfeld“, sagt Sabine Enders. Dazu gehören etwa die Charité oder außeruniversitäre Institute der Max-Planck-Gesellschaft, mit denen sich die Möglichkeit zu kooperieren bietet. Die Forscherin hat den Ruf an die TU auch gerne angenommen, der Lehrstuhl für Thermodynamik sei international renommiert.

Ihr Arbeitsplatz wirkt allerdings nicht, als könne er innovative Gedanken stimulieren. Die Professorin arbeitet in einem unscheinbaren zweistöckigen Bau zwischen Fasanenstraße und Ernst-Reuter-Platz, der im 19. Jahrhundert gebaut wurde. Ihr Büro mit dem Schreibtisch aus verkleidetem Pressspan erinnert an die Räumlichkeiten einer Berliner Behörde unter Sparzwang. Enders steigt eine Treppe tiefer, da befindet sich ihr „Labor“, eine Werkhalle mit großen, grauen Kältemaschinen, die aus der Mode gekommen sind. Daneben haben Studienanfänger ihre Versuchskolben aufgebaut. In einer Anlage, die wie ein Mikrowellenherd aussieht, trocknen Hydrogele, jene von Enders untersuchten Transportvehikel für Arzneimittel.

Die Ausstattung hatte sie sich anders erträumt. Zumindest hätte sie sich die Einrichtung moderner vorgestellt. Eine große Werkhalle braucht man für die Reagenzgläser und Kolben nicht, wohl aber zeitgemäße Labore. Immerhin: Die TU hat versprochen, dieses Problem bald zu lösen. Nicht erfüllen wird sich vorerst der Wunsch der Forscherin, mehr wissenschaftliche Mitarbeiter von der Uni gestellt zu bekommen. Bislang helfen ihr erst drei in Forschung und Lehre. Doch es zeichnet sich ab, dass Sabine Enders bald zusätzliche Kräfte einstellen kann. Die Forschungsgelder dafür hat sie selbst im Wettbewerb eingeworben.

400 bis 600 Studierende unterrichtet Enders in großen Vorlesungen und prüft sie am Ende. Thermodynamik ist für angehende Ingenieure ein Pflichtfach. „Die Lehrverpflichtung ist in Wirklichkeit deutlich größer, als auf dem Papier steht“, sagt sie. Trotzdem fand sie den Job attraktiv genug, um nach Berlin zu wechseln. Sie wurde gebraucht. Weil Bayern die Professuren mit mehr Mitarbeitern und besseren Laboren ausstattet, gelang es der Uni Erlangen-Nürnberg, Enders’ Vorgänger abzuwerben. „Im Süden ist die Lage deutlich besser als hier“, sagt sie. Doch die TU Berlin befinde sich mit ihrer Ausstattung im Mittelfeld: „Für eine Stadt in dieser finanziellen Situation ist das doch ganz gut. Man merkt, dass Berlin etwas für die Wissenschaft übrig hat.“

Und das Lebensgefühl in der Stadt stimmt für sie auch. Die Berliner sind ihr sympathischer als die Münchener: „Das Beste hier ist die Toleranz, die bunte Mischung. Anders als oft in anderen deutschen Großstädten wird man hier auch als Ausländer ernst genommen – oder als Sachse.“ Sabine Enders stammt aus Plauen, studierte Chemie an der Technischen Hochschule Leuna-Merseburg. Da entdeckte sie die Thermodynamik für sich. Ihr Weg an die TU Berlin führte über Forschungsaufenthalte in Tschechien, Mainz oder im niederländischen Delft. Vier Jahre lang sammelte sie Erfahrung in der Industrieforschung beim Chemiekonzern Dow in Schkopau.

Als die Forscherin vor einem Jahr nach Berlin kam, wählte sie Neu Westend als Wohngegend – wegen der Nähe zur TU und auch zur A9. Diese Autobahn benutzt sie, wenn sie ihre Familie in Sachsen besucht. Bleibt neben der Forschung noch Zeit, geht sie in die Staatsoper oder ins Kabarett Distel. „Kulturell ist Berlin ein Traum“, sagt Sabine Enders. Jobtechnisch aber sieht sie Nachteile: Es fehlt der Stadt an Großindustrie. „Es ist schade, dass die von uns ausgebildeten Ingenieure ihre Jobs meist in Bayern oder Baden-Württemberg finden.“ Die Professorin unterhält Kontakte zu Chemieunternehmen wie Degussa, Dow und auch Bayer. Die Fusion mit Schering beobachtet sie mit Interesse.

Könnten die Ergebnisse ihrer Forschungen Berlins Pharmaindustrie ankurbeln? Vielleicht eines Tages. Wenn es ihr gelingt, allgemeine Regeln zu formulieren, welches Trägermaterial sich für welches Medikament am besten eignet. Das würde es der Pharmazie erleichtern, schneller neue Medikamente auf den Markt zu bringen – eine attraktive Aussicht. Und Sabine Enders könnte ihre Entwicklung zum Patent anmelden. Bis dahin brauchen Schmerztabletten etwas länger, bis sie sich in Wasser lösen.

Die Serie finden Sie im Internet unter www.tagesspiegel.de/chancen

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