Berlin : Patente Ideen

In keinem Bundesland wird mehr geforscht als in Berlin – doch noch profitiert die Wirtschaft davon kaum

Anselm Waldermann

Die Voraussetzungen könnten nicht besser sein: In keinem Bundesland gibt es pro Kopf so viele Forscher wie in Berlin, kein Land gibt bezogen auf seine Wirtschaftskraft so viel Geld für Forschung und Entwicklung aus. Auch bei den Patentanmeldungen liegt Berlin deutlich über dem Bundesdurchschnitt und kommt im Länderranking auf einen passablen fünften Platz. Und dennoch: Die Berliner Wirtschaft will einfach nicht in Gang kommen. Beim Wirtschaftswachstum lag die Hauptstadt 2004 mit einem mickrigen Plus von 0,5 Prozent deutschlandweit auf dem letzten Platz. Paradoxer könnte die Situation nicht sein: Schließlich gelten Forschung und Innovationen als wichtigste Basis für wirtschaftlichen Erfolg. Warum kann Berlin sein Potenzial nicht richtig nutzen?

Einen Teil der Antwort liefert die Statistik. Zwar stammen die aktuellsten Zahlen aus dem Jahr 2001. „Sie sind aber auch für die heutige Situation aussagekräftig“, erklärt Hartmut Mertens, Volkswirt bei der Investitionsbank Berlin (IBB). Demnach wird in Berlin überdurchschnittlich viel an Hochschulen und anderen öffentlichen Einrichtungen geforscht: Nur 55 Prozent aller Forschungsausgaben entfallen auf die private Wirtschaft, bundesweit sind es hingegen 70 Prozent.

Für die Entstehung von Produkten ist dieser Unterschied von großer Bedeutung: „Öffentliche Einrichtungen konzentrieren sich meist auf Grundlagenforschung“, erklärt Kurt Geppert vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung. „Bei Unternehmen steht dagegen die praktische Verwertung im Mittelpunkt.“

Auch Wirtschaftsstaatssekretär Volkmar Strauch räumt ein, dass die Berliner Forschung noch stärker auf den Markt achten sollte: „Man muss stets im Kopf haben, dass daraus Produkte werden sollen“, sagt er. „Teilweise hängen wir hier noch nach.“ Schon bei der Berufung von Wissenschaftlern sollte man deshalb berücksichtigen, wie anwendungsorientiert ein Bewerber bisher gearbeitet habe. Außerdem müssten sich die Bedingungen verbessern, damit Forscher aus der Wissenschaft heraus in der Wirtschaft tätig werden. „Teilweise ist es heute so, dass Forscher ihre technischen Geräte in den Instituten nicht mehr benutzen dürfen, wenn sie sich wirtschaftlich engagieren“, beklagt Strauch.

Oft profitieren von der Arbeit der hiesigen Universitäten sogar andere Regionen – auf Kosten Berlins. „Viele gut ausgebildete Leute verlassen Berlin, wenn sie mit ihrem Studium oder ihrer Doktorarbeit fertig sind“, erklärt Experte Geppert. „Schließlich ist die Beschäftigungssituation in München oder Stuttgart deutlich besser.“ Ihr Wissen nehmen die Umzügler natürlich mit. „Die Forschungsergebnisse stammen aus Berlin“, sagt Geppert, „aber genutzt werden sie woanders.“ Teilweise finanziere Berlin so den Erfolg von Städten wie München.

Dennoch hält Geppert das für keinen Grund zum Jammern. Denn langfristig werden sich die Investitionen in Forschung und Entwicklung seiner Meinung nach lohnen. „Berlin macht es genau richtig“, ist sich der Experte sicher. „Schritt für Schritt entstehen um die Forschungseinrichtungen herum immer mehr Unternehmen – und damit auch Arbeitsplätze.“ Ähnlich sieht das IBB-Experte Mertens: „Berlin ist auf einem guten Weg.“ Auch Staatssekretär Strauch setzt seine Hoffnungen auf die Zukunft: „In der Biotechnologie dauert es eben acht bis zehn Jahre, bis aus Forschungsergebnissen Produkte werden.“

Doch auch schon heute will die Politik ihre Anstrengungen verstärken. So setzt der Senat auf eine bessere Vernetzung zwischen Unternehmen und Forschungseinrichtungen. Zusammen mit der Wirtschaftsfördergesellschaft Berlin Partner hat er gerade einen Masterplan aufgelegt: Die Bildung jedes Netzwerks soll mit 300000 Euro unterstützt werden, bei mehr als fünf beteiligten Partnern sind es sogar bis zu 500000 Euro. Teilweise stammt die Förderung aus Bundesmitteln. „Erste Anträge sind bereits gestellt“, erklärt Staatssekretär Strauch.

Bei Unternehmern stößt die Berliner Forschungspolitik dennoch auf Kritik. Klaus-Dieter Teufel, stellvertretender Hauptgeschäftsführer der Vereinigung der Unternehmensverbände in Berlin und Brandenburg (UVB), hält die gesamte Richtung für falsch: „Die Impulsgeber für Innovationen können doch nicht die Hochschulen sein. Diese Rolle kommt den Kunden und damit dem Markt zu.“ Er plädiert daher für einen unternehmensorientierten Ansatz: Zunächst müsse man sehen, was für Produkte ein Unternehmen entwickeln möchte, und erst dann könne man sich auf die Suche nach Partnern in der Wissenschaft begeben. „In Berlin läuft es genau anders herum: Es wird viel geforscht – aber oft am Bedarf vorbei.“

Teufel schlägt deshalb Kompetenzzentren vor, wie sie in Brandenburg gerade eingerichtet werden: Dabei gibt es für jede einzelne Branche eine Transferstelle, bei der die Unternehmen ihren Forschungsbedarf anmelden können. Die Transferstelle sucht dann die passenden Partner – zur Not auch in anderen Bundesländern. „Das ist ein komplett anderer Ansatz als in Berlin“, erklärt UVB-Mann Teufel. „Hier ist man davon noch weit entfernt.“

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