PATIENTENPORTRÄT : Hans-Helge Lüdemann, 17 Jahre

Foto: Uwe Steinert Foto: uwe steinert
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Vorgeschichte:

Das erste Mal passierte es, als Hans-Helge Lüdemann sechs Jahre alt war, kurz nach der Einschulung. Plötzlich verspürte er das merkwürdige Gefühl, als ob die Erde ihn regelrecht anziehen würde. Er ahnte damals nicht, dass das ein epileptischer Anfall war. Heute zeigen sich die Symptome deutlicher: Mit gerötetem Gesicht, aufgerissenen Augen und verkrampftem Körper jammert, stöhnt und lacht er zugleich. Ein Hypermotorischer Anfall. Oft kündigt es sich mit einer sogenannten Aura an, so wie beim ersten Mal: „Das ist, als wenn man beim Fliegen in den Sitz gedrückt wird“. Stress in Alltag und Schule oder starke Emotionen, wie Liebeskummer oder Verliebtsein, fördern die Ausbrüche. Im Winter treten sie häufiger auf, manchmal dreißig Mal kurz hintereinander.



Therapie:
Hans-Helge Lüdemann ist therapieresistent: Medikamente, die bei anderen epileptische Anfälle unterdrücken, wirken bei ihm nicht oder nur eine kurze Zeit. Deshalb befindet sich einiges in seiner Pillenbox: Morgens und abends schluckt er eine rote, eine blaue und zwei weiße Tabletten. Mit der Nebenwirkung, dass er eine halbe Stunde später müde wird. Doch „man lernt damit umzugehen“, sagt er.

Möglicherweise könnte ein Eingriff ihn heilen. 2005 wurde der damals Zwölfjährige in Vorbereitung auf eine mögliche Operation untersucht. Dabei wurden gezielt Anfälle provoziert, um mithilfe der Hirnströme den Ort im Gehirn zu lokalisieren, in der der Anfall stattfindet. Das Ergebnis: Bei Hans-Helge Lüdemann ereignet sich die Epilepsie im rechten Frontallappen. Schneidet man den betroffenen Teil heraus, im Fachjargon Frontallappenresektion genannt, könnte er von den Attacken befreit und seine Lernfähigkeit verbessert werden.

Das Leben mit der Epilepsie: Zwar denkt Hans-Helge Lüdemann viel über diesen Eingriff nach, jedoch sorgt er sich auch darum, dass dieser sein „Wesen verändert“. Bis er sich entscheidet, muss er auf erprobte Entspannungsstrategien zurückgreifen. Seit vier Jahren bringt er sich selbstständig das Klavierspiel bei und fechtet im Verein. Das hilft gegen Stress und damit gegen epileptische Anfälle. Hans-Helge geht sehr gelassen mit seiner Krankheit um. Wie andere Jugendliche trifft er sich mit Freunden, guckt Fernsehen und bleibt nachts auch mal lange auf. Nach der zehnten Klasse will er sich für eine Ausbildung zum IT-Fachmann bewerben. fp

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